Toward a Science of Consciousness 2005

Toward a Science of Consciousness 2005, 17.–20. August 2005 in Kopenhagen, Dänemark; Tagungsbericht von Hans Holleis

http://www.helsinki.fi/jarj/nosp/Final%20TSC-Program.pdf

Versetzen sie einen Studenten, der sich vorwiegend und lange Zeit mit französischem Skeptizismus der Gegenwart beschäftigt, in ein Treffen, das unter dem Zeichen der analytischen Philosophie steht! Stellen sie sich dieses Aufeinandertreffen als frucht- oder furchtbar vor?

Mit dem Interesse bin ich nach Kopenhagen gefahren, um für meine Doktorarbeit, die sich um Vergebung dreht, Hintergrundfragen aufgeworfen und ausgeführt zu bekommen: Wie ist ein Bewußtsein beschaffen? Wie verhalten sich mehrere Menschen mit Bewußtsein zueinander? Kann man Vergebung in einem solchen Verhältnis verorten? Gleichzeitig jedoch mit der Befürchtung angereist, als ein völlig (Fach-) Fremder bei der Konferenz außen vor zu bleiben.

Thematisch bestimmt wurde das Symposion, das sich mit der Überschrift  „methodologische und konzeptuelle Überlegungen“ einen Rahmen gab, vom Gedanken der Vereinigung eines phänomenologischen und eines analytischen Ansatzes bei der Beschreibung des Problemfeldes Bewußtsein.

Shaun Gallagher von der Universität von Orlando faßte kurz diese Gegenüberstellung zusammen: Mit phänomenologischer Beschreibung wird eine Herangehensweise an Probleme aus einer Ich-Perspektive gemeint. Durch eine Art von Innenschau, ist es möglich, Bewußtsein zu erklären; das forschende Ich ist hier nicht unabhängig von seinem Forschungsgegenstand zu sehen. Während die neurowissenschaftliche und analytisch-philosophische Richtung sich mehr als Blickrichtung charakterisiert, in der wissenschaftliche Überprüfbarkeit durch Experimente im Vordergrund steht. Diese Wissenschaftlichkeit soll Unabhängigkeit von Einzelüberzeugungen garantieren und einen Durchgriff auf die Wirklichkeit der Dinge erlauben.

Die Vereinbarung der beiden Richtungen ermöglicht, Bewußtsein sowohl geprägt von einem wahrnehmenden, fühlenden und denkenden Subjekt und in der Folge bei Zusammenschluß von mehreren Subjekten als soziales Ereignis aufzufassen, als auch als Ergebnis wissenschaftlicher Gegenstandsanalyse zu vergleichen und so überprüfen zu können. Die Gefahr dabei, daß die Vereinigung und gegenseitige Beförderung der beiden Ansätze nur bei einer Absichtserklärung stehenbleibt, daß deren Beziehung tatsächlich von gegenseitigem Desinteresse geprägt, nur in einem bloßen Nebeneinander stagniert – wie es Alva Noë in einem Beitrag anmerkte – hat sich auf diesem Treffen in Kopenhagen nicht bewahrheitet.

Als Beispiel dafür können die Bemühungen um eine Interpretation der Spiegelneuronen gelten. Dieser spezielle Neuronenbereich wurde beim Menschen im Sprachzentrum des Gehirns (im Broca-Areal) nachgewiesen und ist unter anderem für Empathiefähigkeit, Sprache und kulturelle Leistungen zuständig. Spiegelneuronen feuern immer dann, wenn eine objektgeleitete Handlung vollzogen wird, aber auch – und genau diese Entdeckung führt zu weitreichenden Interpretationen – wenn ein anderes Individuum wahrgenommen wird, das eine solche Handlungen ausführt. Spiegelneuronen sind der Name für einen Bereich im Gehirn, der aktiv ist, wenn es um die Einfühlung in Andere geht, wenn fremde Emotionen, Schmerz, Sinnesempfindungen wahrgenommen werden.

John Barresi von der Dalhousie Universität in Kanada bemüht sich aus einem analytischen Hintergrund kommend um eine Bewertung dieser Spiegelneuronen. Innerhalb der Theorie des Bewußtseins gibt es drei große Interpretationsrichtungen, die sich mit der Erläuterung der Spiegelneuronen befassen.

Die „Theorietheorie“ geht davon aus, daß wir kein Wissen über unser Selbst besitzen und deshalb eine abstrakte Konzeption davon entwickeln müssen, wie wir uns selbst und andere verstehen können. Diese Abstraktion leistet das Areal der Spiegelneuronen. Die „Simulationstheorie“ dagegen besagt, daß wir direkten Zugang zu unserem Geist haben und dies in Form von Wissen auf andere Menschen projizieren können. Diese zwei Auslegungen kranken aber an dem Problem, daß sie nicht erklären können wie diese Überwindung einer Ich-Wahrnehmung zu einer Wir- oder Du-Wahrnehmung vonstatten gehen kann.

Dieses Manko versucht die „Theorie der intentionalen Relationen“ zu beheben. Ihr zufolge erfordert das emphatische Verstehen einer Ich-Du-Beziehung sowohl abstraktes Wissen, als auch Datenmaterial aus einer Ich-Perspektive. Diese Theorie verwendet also schon die geforderte Vermischung von analytischer und phänomenaler Untersuchungsmethode.

Christophe Menant aus Bordeaux nimmt die neueren Erkenntnisse über die Spiegelneuronen zum Anlaß, um eine Evolutionstheorie auszubreiten. Er legt die Entstehung von Zivilisation und Kultur mit Hilfe der Empathiefähigkeit des Menschen als Triebkraft der Geschichte dar. Menant unterteilt die Geschichte nach zwei Entwicklungssprüngen. Eine erste Stufe wird überschritten vom Übergang von tierischem Bewußtsein auf körperliches Bewußtsein. Die zweite Entwicklungsstufe wird durch die Übersteigerung des körperlichen Bewußtseins durch ein volles Selbstbewußtsein markiert. Diese beiden Sprünge sind jeweils vollzogen worden durch eine Steigerung des menschlichen Zusammenhaltes, der wiederum durch eine intensivierte gegenseitige Einfühlung ermöglicht wurde. Die Angst vor der eigenen Vernichtung führte zu einer Verdichtung der sozialen Organisation der Lebewesen, die sich in der neuronalen Ausrüstung des Menschen niedergeschlagen hat.

Die Vorträge über das Thema der Spiegelneuronen haben auf eindrucksvolle Weise gezeigt, daß solche sozialen Phänomene wie menschliche Beziehungen, Kultur und Gesellschaftsbildung, im menschlichen Gehirn verortet werden können. Dies ist als Hintergrund für mein Promotionsvorhaben zur Einordnung im Gesamtzusammenhang der verschiedenen Wissenschaften sehr wichtig: Es wurden Anknüpfungspunkte einerseits in neuester Neurowissenschaftlicher Forschung und andererseits in eine biologische Evolutionslehre deutlich.

 

Ich möchte mich herzlich bei Pro Philosophia e.V. für die großzügige Unterstützung bedanken, aufgrund der ich diese wertvollen Erfahrungen machen durfte.