Im Rahmen des 100-jährigen Jubiläums der Hochschule für Philosophie München (HFPH) fand am 5. Juni 2025 das Philosophie-Festival „PhiloSomnia – eine philosophische Sommernacht“ an der HFPH statt. An einem Sommerabend voller Inspiration und Denkanstöße konnten Gäste die vielseitigen Facetten der Philosophie in einer Podiumsdiskussion, Workshops, einer Late Night-Vorlesung und vielen weiteren Programmpunkten erleben.
Ein Programm-Highlight war ein philosophischer Poetry Slam, bei dem insgesamt sechs talentierte Teilnehmer*innen in der Aula ihre selbstverfassten poetischen Texte vortrugen. Egal ob erfahrene/r Slamer*in oder mutige/r Anfänger*in: alle Interessierten konnten sich im Vorfeld der Veranstaltung für die Teilnahme anmelden. Der vorzutragende Text sollte zu einem philosophischen Thema passen und eine Vortragszeit von 2-3 Minuten nicht überschreiten.
Eine Moderatorin führte durch den Programmpunkt, das Publikum durfte im Anschluss mit tosendem Applaus für seine/n Favoritin oder Favoriten voten.
Da es bei der Wahl des Gewinner*innen-Beitrags zu einem Unentschieden kam, teilten sich schließlich die beiden HFPH-Studentinnen Clara Drechsler mit dem Gedicht „Lesen lernen“ und Annika Liebert mit ihrem Beitrag „Sinn“ den ersten Platz. Diese beiden Gedichte spiegeln auf ganz unterschiedliche Weise die Gedanken und Gefühle der Verfasserinnen wider.
Hier die beiden Texte zum Nachlesen:
„Sinn“ von Annika Liebert
Im Sommer schreibe ich wieder. Ganz unabsichtlich. Es hat mich einfach so überkommen. Ich schreibe über den Duft von frisch gemähtem Gras und wie es meine nackten Zehen grün färbt. Ich schreibe über üppig behangene Kirschbäume, über kalten Pfefferminztee und wie der Saft der Nektarine von meinen Fingern tropft.
Der August war ein Monat für die Sinne.
Mein Körper ist mein Zugang zur Welt. Das Wort „Leib“ kommt vom althochdeutschen „lip“ für „leben“/“bleiben“. Mein Leib ist ein atmendes, lebendiges Ding. Er ist die Voraussetzung dafür, dass ich die Welt erfahren darf.
Kühl piekst der Kies unter meinen Füßen. Ich stakse über den Hof, recke mich nach von Wespen umkreisten Brombeerbüschen. Ihre schwere Süße füllt die Luft und den Bauch. Im Wind klingt das Laub der Pappeln wie Applaus, hinter dem Hof rufen die Schafe. Die Lämmer sind bereits groß geworden und die Apfelbäume tragen schon. Allmählich wird es Herbst. Noch bleiben die Tage drückend heiß, wir verlagern die Arbeit auf den frühen Morgen und suchen in der Nachmittagshitze Schutz unter der Kastanie. Ich kann kaum glauben, wie schnell die Zeit vergangen ist. Mein Leib erinnert sich an das, was war. Er spürt voraus in das, was sein könnte. Durch ihn bin ich in der Welt wie ich es bin. Der August war ein Monat der Sinnhaftigkeit. Oder zumindest der Suche danach. Meine Leiblickeit wird mir zur Aufgabe. Ich trage eine Vielheit in mir, zu der ich mich verhalten muss. Das ist mein Schicksal. Das ist mein Geschenk. Wer bin ich gewesen, wer möchte ich sein?
Ich fühle mich noch immer irgendwie sechzehn, bin noch immer auf der Suche. Hätte ich nicht schon längst meinen Platz finden sollen? Fragen nach dem Wohin und Warum und Wofür umschwirren mich wie die Mückenschwärme am See. Ich tauche unter. Tiefer und tiefer ins grüne Seewasser, bis meine Hände glitschigen Kies ertasten und der Wasserdruck jeden Gedanken aus meinem Kopf vertreibt. Ich weiß nicht, ob mein Leben intrinsisch Sinn besitzt – oder ob ich ihm einen geben muss. Ich weiß nicht, ob ich darauf vertrauen soll, dass ich in jedem Fall dort ankomme, wo ich ankommen soll – oder ob mir eine solche Determiniertheit nicht jede Handlungskraft rauben würde. Und während ich so im Wasser liege, schwerelos dahingleitend, das Gluckern der Wellen alles andere übertönt und vom anderen Ufer der fettige Geruch von Pommes und Sonnencreme herüberweht, wenn sich im wolkenleeren Himmel all meine Möglichkeiten ausbreiten, dann bin ich mir fast sicher: Lasst mich meinen roten Faden ruhig selbst weben. Wenn ich den Sinn nicht sehe, dann suche ich mir eben einen. Und wenn ich auf nichts sicher vertrauen kann, dann kann ich doch auf mich selbst vertrauen. Ich breite die Arme aus und lasse mich auf dem Rücken treiben, sodass die Zehenspitzen aus dem Wasser ragen. Eine Libelle umschwirrt meinen großen Zeh und macht sich dann aus dem Staub. Vielleicht ist Sinn auch gar nichts, das einmal gefunden und behalten werden kann. Vielleicht ist er immer im entstehen, immer ein Prozess, immer Ziel und Weg zugleich. Ich bin der Platz zwischen allem, zu dem man mich gemacht hat und allem, was ich sein möchte.

„Lesen lernen“ von Clara Drechsler
Als Kind habe ich gelernt zu lesen
Um über die Welt zu lernen
Von Mutter Natur und all ihren Wesen
Ich bekam Zugang zu Erzählungen und großen Geschichten
Zu Klassikern und hoher Kunst
Zu Fachliteratur und den schönsten Gedichten
Und lernte auch vom literarischen Kanon,
Denn kennst du nicht aus mit Goethe Schiller, Kant und Hegel,
Dann hast du keine Ahnung
Ich las ich viele Bücher,
von klugen und wichtigen Männern geschrieben
Von einer auf die nächste Seite
Durch existentielle Fragen getrieben
Was ist ein Mensch,
Was heißt es zu fühlen?
Wie funktioniert die Welt,
Bin ich eine von vielen?
Wie soll ich sein?
Wo komme ich her?
Was ist gut?
Und warum ist sogar Gott ein „er“?
Beim lesen mancher Schriften
Wurde mit jeder Seite
Dieser Kloß in mir
Immer schwerer.
Gab es in meinem Denken
Einen riesigen Fehler?
Denn irgendwas fühlte sich nicht richtig an
War die Wahrheit reserviert
Für den weißen, klugen Mann?
Und so sprachen auch manche Lehrer:
Es gibt eine richtige Art zu denken,
Sie steht geschrieben
Alle die das nicht akzeptieren und verstehen
Sind nicht umsonst im Kanon verschwiegen
Und bis heute aus der Weisheit vertrieben.
„Dies ist nicht meine Heimat“
Dachte ich verdrossen
Ich stand vor dem Aufgeben
Mein Mut war verflossen
Da fiel mir in die Hände
Einer dieser eher unbekannten Bände
Und er kam nicht aus der Feder eines Mannes,
Denn schreiben: Auch eine Frau kann es!
Da begann ich als junge Leserin
Mein Schicksal neu zu denken
Ließ mich von Autorinnen
Mit neuem Mut beschenken
Und ich fing an zu grübeln,
Und ich hoffe ihr werdet es mir nicht verübeln
Aber es machte irgendwie keinen Sinn
Gehören Frauen an die entscheidenden Orte
Nicht genauso sehr hin?
Sind nicht all die großen Denker
Aus dem Fleisch und Blut
Einer Frau erwachsen
Wurden von ihr gefüttert und gepflegt
Mindestens bis sie ihrer Kindheit entwachsen?
Haben es die Geschichten der Frauen in unseren Leben
Nicht auch verdient
Dass wir ihnen die Anerkennung geben
Die ihnen gebührt
Denn Tragen wir nicht alle die Geschichten
Der Frauen die uns prägen
ihre Kraft und ihre Liebe
Genauso wie das Leid und den Schmerz
Mit in unserem Leben
Tief in unserem Herz?
Sie und all die Denkerinnen,
Philosophinnen und Autorinnen
Die uns Geschichten und Gedanken schenken
Sich die Welt von morgen ausdenken
Und alteingesessene Ideen
Auf neue Bahnen lenken
Für neue philosophische Erkenntnisse
Für neue Weltverständnisse
Für emotionale Geständnisse
Und mutige politische Bekenntnisse
Will ich all ihnen danken
Den Feministinnen und Kämpferinnen
Die auf die Straße gehen und gingen
Sich eine bessere Welt ersingen
Und deren Stimmen heute noch
In unseren Köpfen und Straßen nachklingen
Auch sie haben uns gezeigt
Wie man Fragen wie…
Was ist ein Mensch,
Was heißt es zu fühlen?
Wie funktioniert die Welt,
Bin ich eine von vielen?
Wie soll ich sein?
Wo komme ich her?
Was ist gut?
Und warum ist Gott vielleicht kein „er“?
… beantworten kann
Und dabei war keine von ihnen
Ein kluger oder wichtiger Mann
Und mit der Zeit
Bekommen langsam auch sie
ihren wohlverdienten Platz
in der literarischen Wirklichkeit
Zum Glück!
Ich hätte ihre Worte ansonsten
im Studium und Leben
Unglaublich vermisst
Und hoffe dass man weiterhin
all die schreibenden Frauen
Niemals vergisst

© HFPH/ A. Futter
Wir gratulieren beiden Gewinnerinnen ganz herzlich zu den großartigen Slams und bedanken uns bei allen Teilnehmenden für ihre kreativen, tiefgründigen und inspirierenden Beiträge!
Zu unserem Event PhiloSomnia gibt es auch einen detaillierten Nachbericht, in dem wir diesen besonderen Abend Revue passieren lassen.