Die Philosophie nach der Aufklärung setzt auf eine Politik, die sich an den Maßstäben der Vernunft orientiert. Die Achtung wissenschaftlicher Erkenntnisse im politischen Prozess, die Neutralität und Universalität des Rechts und nicht zuletzt die Demokratie selbst sind Ausdruck dieser Vernunft. Jürgen Habermas steht wie kaum ein anderer in dieser Tradition. Er hat gezeigt, dass unsere Sprache Ausdruck vernünftiger Praxis ist, die trotz unterschiedlicher Überzeugungen auf Verständigung ausgerichtet bleibt. Wir diskutieren, um gute Gründe auszutauschen und gemeinsame Wege des Handelns zu finden.
Am 14. März 2026 ist Jürgen Habermas gestorben. Mit ihm verliert die Öffentlichkeit nicht nur einen der einflussreichsten Denker unserer Zeit, sondern auch einen Intellektuellen, der jenseits von Polarisierung und der Logik von Fake News stets auf die Kraft vernünftiger Auseinandersetzung vertraute. Immer wieder hielt er der Gesellschaft einen Spiegel vor und forderte dazu heraus, über die eigenen Voraussetzungen kritisch nachzudenken. Habermas war dabei ein unbequemer Geist und zugleich jemand, der nach Formen philosophischer Verständigung für unsere konfliktreichen Gesellschaften suchte.
Bei aller leidenschaftlichen Betonung der Vernunft hat Habermas dabei stets auch auf deren Grenzen hingewiesen. Besonders eindrücklich wurde dies auf einer Podiumsdiskussion im Jahr 2007 an der Hochschule für Philosophie München, an der ich als junger Postdoc gemeinsam mit Frido Ricken, Norbert Brieskorn und Josef Schmidt mit ihm über das Bewusstsein von dem, was fehlt diskutieren durfte. Mit dieser Formulierung ist die Einsicht gemeint, dass die moderne Vernunft herausgefordert ist, ihre eigenen Defizite wahrzunehmen. Denn in einer säkularen Gesellschaft stehen bestimmte moralische, existenzielle und symbolische Ressourcen nicht mehr selbstverständlich zur Verfügung. Die Moderne hat einige Sinn‑ und Ausdrucksformen – etwa angesichts von Leid, Schuld oder Tod – nicht vollständig ersetzt und kann dies auch nicht leisten. Genau daraus ergibt sich nach Habermas die Notwendigkeit eines kritisch‑offenen Gesprächs zwischen Philosophie und Religion.
Beispielhaft zeigt sich dies an der Solidarität, auf die liberale Gesellschaften mehr denn je angewiesen sind, ohne sie aus der Vernunft heraus allein begründen zu können:
„Der Entschluss zum solidarischen Handeln im Anblick von Gefahren (…) ist nicht nur eine Frage der Einsicht. (…) Gleichwohl verfehlt die praktische Vernunft ihre eigene Bestimmung, wenn sie nicht mehr die Kraft hat, in profanen Gemütern ein Bewusstsein für die weltweit verletzte Solidarität, ein Bewusstsein von dem, was fehlt, von dem, was zum Himmel schreit, zu wecken und wach zu halten.“ (Habermas, Bewusstsein von dem, was fehlt 2007, 23)
Habermas wurde für seine Betonung der kommunikativen Vernunft ebenso kritisiert wie für das Ausloten ihrer Grenzen: Er beachte den Streit nicht genug, harmonisiere Brüche in unserer Erkenntnis oder ziehe die Grenze zwischen Philosophie und Religion zu unscharf. Man kann diese Einwände unterschiedlich bewerten. Eindrucksvoll bleibt die Art, wie Habermas darauf reagierte: Mit unerschütterlicher Neugier, intellektueller Offenheit und einer Bereitschaft zum Dialog, die sich nie auf philosophische Schulen oder weltanschauliche Positionen beschränkte.
Diese Haltung ist ein Vorbild für jede gute Philosophie. Sie drückt die Einsicht aus, dass die eigene Position nie alles ist und dass unsere Vernunft stets auf etwas verweist, „was fehlt“. Diese Stimme wird der Philosophie fehlen.
RIP.
Informationen
- Link zum Suhrkamp-Buch „Ein Bewußtsein von dem, was fehlt – eine Diskussion mit Jürgen Habermas“, herausgegeben von Michael Reder und Josef Schmidt (2008)
- Link zum Lehrendenprofil von Prof. Dr. Michael Reder, Professor für Praktische Philosophie und Vizepräsident für Forschung an der HFPH