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„Medizinethik ist für alle Menschen relevant“ – Interview mit Chefärztin Dr. Saskia Rupp

Was hat Medizin mit Philosophie zu tun? Jede Menge, weiß Dr. med. Saskia Rupp, die an der HFPH gerade erfolgreich den Modulstudiengang Medizinethik abgeschlossen hat. Im Interview berichtet die Chefärztin von ihrer Weiterbildung und gibt Einblicke in den Klinikalltag.

Porträtbild Frau Dr.Rupp ©KlinikWartenberg

Entscheidungen und Handlungen in der Medizin sind mit maximaler Verantwortung verbunden, denn sie berühren grundlegende Fragen des Mensch-Seins: Es geht im wahrsten Sinne des Wortes um Leben und Tod – und um Würde, Selbstbestimmung und das richtige Maß an Fürsorge. Um solche Situationen beurteilen zu können, bedarf es nicht nur hoher fachlicher Kompetenz, sondern auch ethischer Orientierung. 

Hier setzt das berufsbegleitende Modulstudium Medizinethik der HFPH an. Es eröffnet unter anderem Fachkräften im Gesundheitswesen die Möglichkeit, moralische Fragestellungen systematisch durchzudenken und ihre Urteilsfähigkeit im anspruchsvollen beruflichen Alltag zu unterstützen. 

Das Programm erstreckt sich über drei Semester, umfasst 36 ECTS-Punkte und verbindet theoretische Grundlagen mit praxisnahen Fragestellungen. Somit ist es ideal für alle, die Ethik nicht nur theoretisch, sondern auch im beruflichen Alltag anwenden möchten. 

Im folgenden Interview gibt unsere Absolventin Dr. med. Saskia Rupp, Chefärztin für Akutgeriatrie und Palliativmedizin an der Klinik Wartenberg, einen persönlichen Einblick in ihre Erfahrungen mit dem Modulstudiengang an der HFPH:

Was hat Sie persönlich dazu bewegt, sich für Medizinethik an der HFPH zu entscheiden?

Meine erste Begegnung mit der Philosophie liegt lange zurück: In den 1980er-Jahren habe ich bereits an der Hochschule für Philosophie bis zum Baccalaureat studiert. Die Faszination für philosophische Fragestellungen hat mich seither nie mehr losgelassen.  Seitens der Lehre waren im Medizinstudium der 80er Jahre Philosophie und Ethik überhaupt kein Thema, allenfalls ein wenig Geschichte der Medizin. Dabei ist es doch offensichtlich, wie hoch die Bedeutung ethischer Reflexionen für die medizinische Praxis ist.

Im Laufe meiner ärztlichen Tätigkeit habe ich mich auf die Geriatrie spezialisiert. Gerade dort wurde deutlich, dass es große Defizite gibt. Medikamentenstudien etwa wurden jahrzehntelang fast ausschließlich an Männern im Alter zwischen 35 und 60 durchgeführt – ein vergleichsweise homogenes Probandengut, dessen Organismus weder durch hormonelle Zyklen noch durch Alterungsprozesse und/oder durch Mehrfacherkrankungen verändert ist. Für Frauen und ältere Menschen ließen sich daraus nur Analogieschlüsse ziehen ohne echte wissenschaftliche Evidenz.

 

Der Wunsch, die Metaebene der Medizin zu reflektieren, hat mich über die Jahrzehnte begleitet. Vor zwei Jahren schließlich habe ich mich im Rahmen einer Arbeit für meine Klinik zum normativen Management sehr intensiv mit philosophischen Fragestellungen beschäftigt und festgestellt: Es geht noch – die Lust und das Bedürfnis nach systematischer Reflexion sind ungebrochen. Das hat mich dazu bewogen, mich für ein weiterbildendes Philosophiestudium zu bewerben, diesmal mit Schwerpunkt Medizinethik.

 

Wie hilft Ihnen das Studium bei der Bewältigung ethischer Herausforderungen in Ihrem beruflichen Alltag?

Gerade in der Altersmedizin stehen wir nicht nur jeden Tag, sondern jede Stunde und jede Minute vor schwierigen Entscheidungen. Wir müssen abwägen, wie viel Diagnostik und Therapie den Betroffenen wirklich nützen – und wo wir Gefahr laufen, mehr zu belasten als zu helfen.

Ein typisches Beispiel: Multimorbide Patientinnen und Patienten würden, folgt man den Leitlinien zu ihren jeweiligen Erkrankungen streng, mit 20 oder 30 Medikamenten behandelt werden. Ein solcher Cocktail ist weder verträglich noch sicher, denn das Interaktionspotenzial ist enorm, und die Organreserven eines alternden Organismus sind eingeschränkt. Hier müssen wir auswählen, priorisieren und im Konsens mit den Betroffenen entscheiden, was sinnvoll ist.

Medizinethik Studentin und Chefärztin Frau Dr. Rupp mit Patientin in der Klinik Wartenberg
©KlinikWartenberg

Mit welchen Fragestellungen und Konflikten beschäftigt sich die Medizinethik und was interessiert Sie besonders?

Von besonderem Interesse sind für mich die ethischen Konfliktlinien, die sich gerade in der Geriatrie auftun. Wie viel medizinische Intervention ist für den einzelnen Menschen sinnvoll und ab wann wird sie zur Übertherapie? Über diese oben schon gestellte Frage hinaus beschäftigt uns auch immer das Spannungsverhältnis zwischen Fürsorge und Autonomie. Viele möchten, dass wir „alles“ tun, andere möchten genau das Gegenteil und fordern Zurückhaltung. Die Herausforderung besteht darin, auf der Basis nachvollziehbarer ethischer Prinzipien in jedem Einzelfall eine verantwortbare und tragfähige Entscheidung zu treffen, die sowohl die medizinische Vernunft als auch die Wünsche und Werte der Patienten respektiert.

Wie erleben Sie die Mischung aus Online- und Präsenzlehre?

Die Mischung aus Online- und Präsenzlehre empfinde ich als großen Gewinn. Online-Lehre erleichtert den Zugang erheblich – man kann praktisch von überall aus teilnehmen. Damit werden Menschen erreicht, die sonst keine Möglichkeit hätten, an einem solchen Studiengang teilzunehmen, in meinem Kurs zum Beispiel Kolleginnen und Kollegen aus Berlin und Hamburg.

 

Präsenzveranstaltungen haben jedoch eine andere Intensität. Man selbst ist präsenter, die Interaktion unmittelbarer, und auch die nonverbale Kommunikation trägt sehr zur Tiefe des Austausches bei. Gerade für philosophische Diskussionen sind die persönlichen Begegnungen wertvoll.

 

Für berufsbegleitende Studiengänge ist daher die Hybridform meiner Meinung nach unumgänglich: Sie kombiniert die notwendige Flexibilität mit der Unverzichtbarkeit unmittelbarer Begegnung und Diskussion. Ich selbst komme aus Freising und kann mir auch mal ein Präsenzseminar zu den Principles of Biomedical Ethics  jeden Dienstag spätnachmittags ermöglichen, von Berlin und Hamburg aus geht das einfach nicht.

Wie würden Sie einem Laien erklären, warum Medizinethik so relevant ist?

Medizinethik ist für alle Menschen relevant, weil sie grundlegende Fragen berührt: Was darf Medizin? Was soll Medizin?  Und was bedeutet es, in Verantwortung für andere Menschen zu handeln?

Mit dem rasanten medizinischen Fortschritt – Gentechnik, personalisierte Medizin, Robotik und insbesondere die Anwendungen der künstlichen Intelligenz – entstehen Fragestellungen, die uns alle betreffen. Ist jeder Eingriff in die natürlichen Abläufe legitim? Wer entscheidet über den Einsatz neuer Technologien? Und nach welchen Kriterien?

Auch im klinischen Alltag ist Ethik präsent: Bei unheilbaren Erkrankungen oder in der lebensverlängernden Medizin muss entschieden werden, ob eine Maßnahme noch sinnvoll ist oder nur noch Leiden verlängert. Die Medizinethik bietet hier Orientierung, indem sie Prinzipien und Handlungsrahmen entwickelt, die Ärztinnen und Ärzte, Pflegepersonal und andere Beteiligte zur verantwortungsvollen Entscheidung befähigen.

Welche konkreten Ideen oder Impulse möchten Sie aus dem Studium in Ihren beruflichen oder gesellschaftlichen Kontext übernehmen?

Die bisherigen Semester haben mir sehr geholfen, mein eigenes Denken im ethischen Bereich zu strukturieren und insbesondere mich mit dem Prinzipienethischen Ansatz auseinanderzusetzen, der ja in der Medizinethik der letzten Jahrzehnte hohe Relevanz gewonnen hat.

Darüber hinaus habe ich wertvolle Einblicke in Wirtschafts- und Organisationsethik gewonnen. Diese Themen sind für das Gesundheitswesen enorm wichtig, da sie über die Ebene des individuellen Patientenkontakts hinaus Fragen der institutionellen Verantwortung und der Systemgestaltung adressieren.

Sehr intensiv und bereichernd waren die Grundlagenmodule, insbesondere Grundlagen der Ethik, interkulturelle Philosophie sowie Sozialphilosophie. Gerade die beiden letzteren Bereiche waren in meinem Philosophiestudium damals in den 80ern noch kein Thema – für mich war das eine echte Horizonterweiterung.

Wem würden Sie ein solches Modulstudium empfehlen und warum?

Eine Schulung in grundlegender Ethik und angewandter Medizinethik würde ich allen empfehlen, die im Gesundheitswesen tätig sind. In diesem Berufsfeld treffen wir ständig Entscheidungen, die weit über das rein Medizinisch-Technische hinausgehen. Es ist daher immens wichtig, sich über die eigenen normativen Konzepte im Klaren zu sein: Lenkt eine Pflichtauffassung unsere Entscheidungsfindung? Wägen wir konsequentialistisch die Folgen unseres Handelns ab? Oder leitet uns die Idee des guten Lebens? Wenn wir uns unserer ethischen Vorentscheidungen bewusst sind, können wir transparenter, verantwortlicher und fairer handeln.

Geschulte Reflexion leistet hier einen unersetzlichen Beitrag. Sie unterstützt uns dabei, nicht lediglich spontan oder intuitiv zu handeln, sondern Entscheidungen argumentativ sauber, strukturiert und widerspruchsfrei zu begründen. Damit eröffnet sie die Möglichkeit, komplexe Abwägungen transparent und nachvollziehbar zu machen – sowohl für uns als Behandlungsteam als auch für die Patienten.

Genau deshalb halte ich eine fundierte ethische Ausbildung nicht nur für eine Bereicherung, sondern für eine Notwendigkeit – sowohl für Ärztinnen als auch für Pflegekräfte, Therapeuten, Institutionen und letztlich jeden, der unmittelbar oder mittelbar Verantwortung im Gesundheitswesen trägt.

 

 

Auf der Webseite der HFPH sind alle wichtigen Informationen zu diesem Weiterbildungsprogramm  zusammengestellt. Start ist jeweils im Wintersemester, die Bewerbungsfrist für dieses Jahr endet am 15. Juli 2026.

Fragen beantworten wir gerne unter .  Am 15. Juni findet außerdem eine virtuelle Fragestunde statt.

 

Weitere Infos zum Modulstudiengang Medizinethik

 

 

 

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