„Ein König fragte einst einen seiner Gelehrten: ‚Was gibt es Neues in Ihrer Wissenschaft?‘ und erhielt darauf die Gegenfrage: ‚Kennen Majestät schon das Alte?‘“
Dieses Zitat stammt von dem wohl berühmtesten Kirchen- und Dogmenhistoriker des Wilhelminischen Kaiserreichs, dem evangelischen Theologen Adolf von Harnack, der knapp zwei Jahrzehnte als erster Präsident der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften amtierte, aus der die heutige Max-Planck-Gesellschaft hervorging. Zu Harnacks Anekdote passte, was Christoph Markschies in seiner Pannenberg-Lecture über historische und theologische Hermeneutik ausführte. Für eine aktuelle Urteilsbildung in Theologie, Philosophie und in sonstigen Wissenschaften ist die Kenntnis der Geschichte der Disziplin und ihrer historischen Theorien unentbehrlich.
Wolfhart Pannenberg (1928–2014), dessen Denken ein vom Unterzeichner geleitetes Forschungsinstitut an der Münchner Hochschule für Philosophie gewidmet ist, hat in seinem Werk „Wissenschaftstheorie und Theologie“ die Theologie-, Dogmen und Kirchengeschichte zum unverzichtbaren Bestandteil einer Enzyklopädie der theologischen Wissenschaften erklärt und sie direkt mit der Systematischen Theologie verbunden, der es aufgetragen sei, präzise zu bestimmen, was man unter Traditionsgeschichte und Historizität zu verstehen hat. Denn ohne ein solches Verständnis haben die historischen Wissenschaften keinen Begriff von sich selbst und ihrer Forschungstätigkeit.
An diese Einsichten schloss Markschies an, um sie argumentativ fortzuführen. Wie einst Harnack ist Markschies nicht nur ein hervorragenden Kirchen- und Dogmenhistoriker mit Schwerpunkt Alte Kirche, sondern zugleich ein Wissenschaftsorganisator von Format. Von 2006 bis 2010 war er Präsident der Berliner Humboldt-Universität, an der er lehrt. Seit 2020 ist er in mittlerweile zweiter Amtszeit Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Er wurde mit mehreren Ehrendoktoraten versehen, darunter eines von der Päpstlichen Lateranuniversität, und erhielt zahlreiche Preise, darunter den renommierten Leibniz-Preis. Seit vergangenem Jahr ist er Mitglied des Ordens „Pour le mérite“.
Den Ausgangspunkt seiner Pannenberg-Lecture, die Markschies in der Aula der Hochschule vor zahlreichen Hörerinnen und Hörern hielt, bildete Pannenbergs Diagnose vom Verlust der Geschichte in der Theologie seiner Zeit und sein Votum für die Wiedergewinnung der Theologizität der Geschichtswissenschaften im Allgemeinen und der historisch arbeitenden Theologie im Besonderen. Wenn die Rede von einem geschichtlichen Handeln Gottes von vornherein als unwissenschaftlich ausgeblendet werde, dann sei eine wesentliche Dimension der biblischen Überlieferung Preis gegeben. Auf dem Hintergrund dieser Kritik rekonstruierte Markschies Grundzüge des Pannenbergschen Programms „Offenbarung als Geschichte“, um seine Konsequenzen für Kirchen- und Dogmengeschichte und die gesamte sog. Historische Theologie zu beleuchten.
An den Vortrag schloss sich ein Empfang an, bei dem gemäß der von Markschies ausgegebenen Devise, dass „Nachdenken und Nachschenken“ zusammengehören, intensiv diskutiert wurde.
Eröffnung der Wolfhard Pannenberg Forschungsstelle an der Hochschule für Philosophie in München
Prof. Dr. Dr. h.c. Gunther Wenz
Leiter der Wolfhart-Pannenberg-Forschungsstelle