Sie werden zum Jahresende an der Pekinger Renmin-Universität promoviert und bieten an der HFPH Seminare zur chinesischen Moderne und zum historischen Materialismus an. Was fasziniert Sie so an der chinesischen Kultur?
Mich reizt im Moment das Thema „Zivilisation“. Ich glaube wir kommen über das Zivilisationsthema an Schlüsselfragen unserer Zeit heran. Peace-Building zum Beispiel. Philosophie und Sinologie sind beides Ausbildungen, von denen ich mir erhoffe, dass sie zu Beiträgen auf diesem Feld befähigen können. Klar, mickrig kleine Beiträge sind es, die einzelne leisten können. Doch bleibe ich dabei, dass beide, Philosophie und Sinologie, dabei helfen, Zivilisationen von innen und an Wurzeln zu erleben, und zu ihren Mitgestaltern zu werden. Im chinesischen akademischen und öffentlichen Diskurs ist das Zivilisationsthema derzeit zentral.
Es gibt da einen Drive, Zivilisation neu zu denken, neu zu gestalten, sowohl nach innen (Stichwort: Moderne und Tradition versöhnen, im Fall Chinas konkret Marxismus und chinesische Tradition) als auch nach außen (Stichwort: Koexistieren und Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Zivilisationen). Weltfrieden ist jetzt herausgefordert wie lange nicht. „Zivilisation“ ist eine Spur, um mit Blick auf Weltfrieden ideenbereit und handlungsfähig zu werden.
Was hat Sie speziell zur chinesischen Denktradition geführt?
Das Gefühl, dass ich in den Dingen, für die ich mich voll einsetzen will, heute nicht an China vorbeikomme. Das war der Anfang. Common concerns, shared futures. Die Gemeinsamkeiten von China und Europa sind tiefer als unsere Unterschiede. Vor allem: Wir stehen vor den gleichen Herausforderungen. Die Lösungen auf viele Herausforderungen unserer Zeit greifen auf nicht-kompetitive Ressourcen zurück. Anders formuliert: Sie bauen auf Kooperation. Der erste Schritt auf Kooperation hin ist besseres Verstehen, und das gelingt in Begegnung, in Erfahrungen, die dazu befähigen, in der ersten Person Singular zu sprechen. „I feel you.“ Von dort aus bin ich in die chinesische Denktradition hineingeraten.
Welche Fähigkeiten und Erkenntnisse bringen Sie aus Ihren zahlreichen internationalen Stationen mit in die Seminarräume der HFPH?
Das muss ich selbst erstmal entdecken. Für mich steht ja ein Rollenwechsel an: Vom Promotionsstudierenden zum Lehrenden. Ich bin jetzt bereit, das Lernen auf die Weise des Lehrens fortzusetzen. Dazu wird auch eine Portion Selbsterkenntnis gehören: Was bringe ich mit? Die entscheidenden Prägungen geben wir nicht in einzelnen Worten weiter, sondern auf Ebenen von Handlungen, Haltungen, Verhalten, Sein, die wir kaum beeinflussen können. Vielleicht werde ich einige dieser Prägungen entdecken dürfen.
Ganz aktuell lerne ich viel von der Asia Society: Ein „think-and-do-tank“, der Verantwortung übernimmt unter anderem für das Verhältnis zwischen China und „dem Westen“.
Als Theorie- und Textarbeiter, die wir als Philosophen ja sind, tragen wir Verantwortung. Teile dieser Verantwortung ragen über Theorie und Text hinaus und stellen Thinking in den Dienst von Doing. Das weckt mich auf.
Was war bisher Ihre prägendste Lehr- oder Forschungserfahrung?
Als Jugendlicher geprägt hat mich ein Unterrichtsritual. Am Anfang des Unterrichts: Was hat sich mit Blick auf die letzte Stunde noch geregt? Am Ende des Unterrichts: Was nehme ich heute mit? Geprägt hat mich zu Schulzeiten zudem, Verantwortung für andere zu übernehmen. Da musste ich sie ja erstmal für mich übernehmen. Und plötzlich hat Lernen ein Ziel, das zählt.
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„Wichtige Erkenntnis ist einfach, lässt sich einfach ausdrücken. Natur ist die Grundmetapher. Das Wahre liegt vor Augen.“
Moritz Kuhlmann im Garten des Alten Sommerpalastes in Peking.
Was erwarten Sie von Ihren Studierenden?
Mutiges Selbstvertrauen. Wenn dann noch die Offenheit dazu kommt, in diesem Selbstvertrauen ständig enttäuscht und erschüttert zu werden, und doch zugleich daran festzuhalten, sind wir auf einem vielversprechenden Lernweg. So sprechen, als wisse man nichts und wolle alles von anderen lernen, und zugleich so fragen, als habe man alles schon begriffen und sei bereit, es mit anderen zu teilen – solch eine Haltung scheint mir eine gute Mischung zu sein.
Wie gestalten Sie Ihre Seminare, wo liegt der Schwerpunkt: Diskussion, Textarbeit, Debatte?
Das wird vom Kontext abhängen. Unterschiedliche Themen verlangen nach unterschiedlichen Bearbeitungsweisen. In diesem Semester habe ich ein Proseminar, in dem wir eng am Text arbeitend viel diskutieren werden. Zudem bieten wir für die TUM eine Projektwoche an, in der es um drei große gesellschaftliche Fragen unserer Zeit geht: kann die chinesische Moderne mit der ihr eigenen wirtschaftlichen und politischen Ordnung diese Herausforderungen besser bewältigen als die westliche? Da werden wir mit Experten debattieren, Zeitdiagnose versuchen, und mutig praktische Lösungsansätze entwerfen. In einem der nächsten Semester werde ich sicherlich auch mit Veranstaltungen zur klassischen chinesischen Philosophie experimentieren, und sicher weiter an sehr lebensnahen, durch aktuelle Diplomatie geprägten Themen der China-West-Beziehung arbeiten. All das wird jeweils nach angemessenen Formaten und Methoden verlangen.
Wie gehen Sie mit politisch aufgeladenen Kontroversen im Seminarraum um?
Ich freue mich darauf, sie zu führen – und auch darauf, sie je nach angemessener Zeit wieder zu beenden, um an den philosophischen Grundlagen weiterzuarbeiten.
Politisch aufgeladene Kontroversen finden wir überall. Den philosophischen Tiefgang zu den Voraussetzungen von politischen Positionen und zu den eigentlichen Schlüsselentscheidungen, die unreflektiert dahinterstehen, haben wir seltener.
Beides ist wichtig, die Hitze des politischen Ringens und die schlichte Klarheit des philosophischen Fragens. Letzteres ist unser Kernauftrag, ersteres kann uns dabei motiviert halten.
Was sagen Sie jemandem, der Marx für überholt hält?
Es kann ja sein, dass daran manches stimmt. Also werde ich wohl zurückfragen, was genau er/sie für überholt hält. Sicherlich stimmt aber auch, dass das Inspirationspotenzial von Marx‘ Texten gewaltig und noch lange nicht ausgeschöpft ist – und dass eine der ältesten Zivilisationen und bevölkerungsreichsten Nationen, China, den Marxismus zum Kern der eigenen offiziellen Ideologie erklärt. Unglaublich! In diesem Sinn ist Marx sicher nicht überholt. Warum kann sein Denken über Zeiten und Kulturen hinweg so viel in Bewegung setzen? Irgendwas muss doch dran sein – und was das ist, will ich in den Seminaren und Vorlesungen ständig von Neuem rausfinden.
Gibt es einen Satz oder Gedanken von Marx oder aus der chinesischen Tradition, der Sie besonders begleitet?
Kein einzelner Satz im Speziellen. Aber so etwas wie Grundhaltungen. Bei Marx ist es der Mut und die Frechheit, das schon von anderen Erkannte und Gewusste beiseite zu schieben, um nochmal möglichst weit von vorne anzufangen, und in beobachtbaren Fakten und Tatsachen einen neuen Ausgangspunkt des Erkennens zu setzen – und die Weite, das von anderen schon Erkannte und Gewusste danach doch wieder einzubeziehen. In der chinesischen Philosophie ist es ein Geist der Einfachheit. Wichtige Erkenntnis ist einfach, lässt sich einfach ausdrücken. Natur ist die Grundmetapher. Das Wahre liegt vor Augen. Und mich spricht die Relevanz chinesischer Philosophie an. Das Erkennen stammt aus und dient dem praktischen Leben, Handeln, Menschsein und -werden. Wir wollen werden, was wir sind: Menschen. Das scheint mir das Zentrum chinesischer Philosophie zu sein. Und in ebenso großer Tiefe wie Einfachheit treibt dieses Anliegen die chinesische Philosophie seit tausenden von Jahren an.
Was sollen Studierende im besten Fall nach dem Besuch Ihrer Seminare anders sehen oder neu denken können?
Denken Sie an eine Balkenwaage, wie Justitia sie in der Hand hält: da sehe ich mich in der Mitte der Waage. Ich vertraue darauf, dass Studierende für sie wichtige Erkenntnisse machen. Welche das sind – also zu welcher Seite der Balken sich neigt – will ich gar nicht beeinflussen. Meine Aufgabe sehe ich darin, den Abwägungsprozess zu ermöglichen. Aber von der Mitte der Waage aus, ohne eine Gewichtung zu einer der Seiten vorzugeben. Ich habe am meisten gelernt in Kontexten, in denen mir das Richtige nicht vorgegeben wurde, sondern in denen ich das Vertrauen gespürt habe, dass ich selbst das Richtige erkenne. Dieses Vertrauen bringe ich mit.
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Moritz Kuhlmann ist Jesuit und hat Philosophie und Theologie in Frankfurt, München und Innsbruck studiert. Nach seinem Chinesischstudium in Taipei arbeitet er nun an Promotionsstudien der Sinologie in München und der Philosophie in Peking. Er hat im Wintersemester 2026/27 eine Lehrtätigkeit an der Hochschule für Philosophie München übernommen.
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Moritz Kuhlmann SJ
Lehrbeauftragter