Ein Gedanke aus dem Vortrag »Wirklichkeit als politische Kategorie« hallt besonders nach:
Gelogen wird oft nicht, weil wir ein gestörtes Verhältnis zur Wahrheit haben, sondern weil wir eine andere Realität herstellen wollen.
Lügen ist politisches Handeln. Ein gefährliches Handeln, denn es verfügt beliebig über Tatsachen, die die Grundlage dafür sind, dass sich Menschen mit unterschiedlichen Perspektiven auf eine gemeinsame Welt beziehen können: Wie sollen wir noch über unterschiedliche Ziele, Werte, Interessen und Zukunftsentwürfe streiten, wenn das, was uns gemeinsam als Wirklichkeit erscheint, nicht länger Anfangs- und Bezugspunkt unserer Verständigung, sondern selbst Gegenstand politischer Fiktionen wird?
Doch auch die Berufung auf eine einzige, absolute Wahrheit kann den politischen Austausch unterminieren. Wozu noch über die gemeinsame Welt streiten oder einander von ihrer zukünftigen Gestaltung überzeugen, wenn die richtige Antwort bereits feststeht?
Diese Fragen und Gefahren sind uns heute gut vertraut. Arendts perspektivischer Pluralismus erweist sich als Gegenentwurf sowohl zu einem Relativismus, in dem sich Weltsichten mit »alternativen Fakten« berührungslos gegenüberstehen, als auch zu dem Anspruch, politische Debatten durch den Verweis auf unumstößliche Wahrheiten zu entscheiden. Zwischen beidem verteidigt Arendt die politische Bedeutung einer Welt, die weder beliebig erfunden noch endgültig festgelegt ist, sondern nur im Austausch unterschiedlicher Perspektiven sichtbar werden kann.
© HFPH/ J. Daum
Dem Vortrag folgte ein Workshop zur Diskussion von Loidolts Überlegungen, wie sich ausgehend von diesem Perspektivismus das Konzept eines gemeinsamen »Weltmachens« (worldbuilding) weiterdenken lässt. Im Mittelpunkt stand dabei Arendts charakteristische Unterscheidung von privatem und öffentlichem Raum. Einerseits erscheint der private Raum als Ort von Geborgenheit und Sicherheit. Von hier aus können Individuen mit ihrem Denken und Handeln öffentlich als Personen in Erscheinung treten. Andererseits ist auch diese Privatheit auf die Einbettung in einen funktionierenden öffentlichen Raum angewiesen, der sie rechtlich, politisch und institutionell absichert. Gerade diese wechselseitige Abhängigkeit erweist sich als zentral: Weltbildung lässt sich weder auf den Schutz und die Mehrung privaten Eigentums reduzieren noch in kollektiven Massenidentitäten auflösen.
Einen ersten Impuls steuerte Danilo Gajic (HFPH) bei. Er fragte, inwiefern Arendt die Konstituierung von Räten als Institutionen der politischen Urteilskraft für eine ernst zu nehmende Alternative zu Institutionen der repräsentativen Demokratie bewertet: In Räten treffen nicht nur unterschiedliche Meinungen aufeinander. Sichtbar wird auch der Prozess ihrer Entstehung. Ausgerechnet am symbolischen Ort der repräsentativen Demokratie treten diese Prozesse in den Hintergrund: In der Wahlkabine bleibt die eigene Meinung einsam, sie muss nicht erst aus der Verständigung mit anderen hervorgehen.
Wie können wir die Welt verändern, wenn wir uns gemeinsam darüber verständigen, wie sie uns auf je unterschiedliche Weise erscheint? Mit dieser Frage knüpfte Krisha Kops (HFPH) an das Projekt einer geschichtsphilosophischen Typologie der transformativen, kritischen und politischen Phänomenologie an. Es differenziert und denkt Positionen zusammen: Wie verändert die Wahrnehmung der Welt bereits die Wahrnehmenden? Wie machen phänomenologische Beschreibungen historisch situierte Machtverhältnisse sichtbar, die unsere Erfahrung strukturieren? Wie setzen sich vor diesem Erlebnishorizont bestimmte Denk- und Handlungsweisen der politischen Weltgestaltung eher durch als andere?
Abschließend sprach Crina Gschwandtner (Fordham University) über die Frage, wie Weltanschauungen und weltbildende Praktiken zusammenhängen. Aus phänomenologischer Perspektive lasse sich diese Beziehung nicht als einfache Abfolge von Überzeugungen und Handlungen verstehen. Die ökologische Krise verändere vielmehr die Weise, in der uns die Welt begegnet und erfahrbar wird: Wälder erscheinen nicht länger als selbstverständliche Orte der Erholung, sondern als bedrohte Lebensräume; Wettereignisse als Gefahren und Risiken; die Zukunft menschlichen Lebens als prekär. Die Weise, wie uns die Welt als bedroht erscheint, macht verständlich, weshalb die Überzeugung von ihrer Bedrohung nicht bloß eine Einsicht bleibt, sondern praktische Konsequenzen einfordert.
Durch den Vortragsabend und den Workshop führten Prof. Dr. Barbara Schellhammer und Prof. Dr. Michael Reder.
–– Ein Kommentar von René Pikarski (Promovend an der HFPH)