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Geist von oben: Pfingsten – eine universale Verheißung

Ein Impuls zum Pfingstfest von Pater Karl Kern SJ

Pfingsten – eine universale Verheißung

Er ist eine Ikone der Moderne – Auguste Rodins „Denker“: Nackt und muskulös sitzt er sinnend auf einem Stein, das Kinn auf den rechten Handrücken gestützt. Sein Ellbogen ruht auf dem linken Oberschenkel, zusammen mit dem anderen Unterarm. Die Figur ist nach Rilke „Form gewordenes Denken“. Der Denkprozess wird nach klassischer Definition als „Angleichung des erkennenden Intellekts an die Sache“ definiert. „Denken“ ist „Be-greifen“, d.h. mit dem Verstand ein Objekt erfassen und verfügbar machen.

Verstand und Vernunft gehören zusammen

Die Neuzeit ist geprägt von einer rasenden Explosion des menschlichen Wissens mit der künstlichen Intelligenz (KI) als letzter Aufgipfelung. Wissenschaftliches Denken analysiert Funktionen und Abläufe und setzt sie technisch um. Wir dringen in die Weite des Weltalls und zugleich bis in die kleinsten Strukturen vor. Aber erfasst denkerisches Durchdringen schon die ganze Wirklichkeit?
Bereits die antiken Philosophen sagten, dass der Mensch mit Verstand und Vernunft begabt sei. Mit der Vernunft vernehmen wir, nehmen wir wahr – als Menschen aus Fleisch und Blut, als Wesen, die in Kommunikation mit anderen leben. Und mit dem Verstand durchdenken wir, was wir wahrgenommen haben. Erst beides zusammen bildet unser menschliches Erkenntnisvermögen.

Mehrwert von „Geist“ und Bewusstsein

In der Sprache verbirgt sich oft ein tiefes kulturelles Wissen. „Gheis“ steht im Indogermanischen für „erschaudern, ergriffen sein“. Das Wort „Geist“ weist also über den Menschen hinaus. Insofern folgt menschliche Intelligenz einer radikal anderen Methode als die rein technische Intelligenz des Analysierens und Verknüpfens von Phänomenen. Mit dieser allein würde letztlich der Mensch selbst zu einer bloßen Funktion neuronaler Netzwerke.
Wenn es um menschliches Bewusstsein geht, kommen immer Freiheit, Urteilsvermögen, Verantwortung, Achtung vor anderen und nicht zuletzt Liebe, Vertrauen und Menschlichkeit ins Spiel. Alle Lebewesen streben nach Kontakt und Beziehung zu ihrer Umwelt. Das gilt schon für Pflanzen, nicht aber für Computer, die Kommunikation lediglich simulieren. Entscheidend für unser Bewusstsein sind unsere realen körperlich-geistigen und sozialen Erfahrungen.

„Heiliger Geist“ und Gewissheit des Glaubens

„Heilig“ ist in der Bibel ein Attribut, das nur Gott zukommt. So ist der „Heilige Geist“ von vorneherein eine größere Kraft, die quasi „von außen“ kommt und sich mit unserem Geist verbindet. Damit ist die Grundfigur des Glaubens vorgezeichnet: Der Mensch – ein Wesen der Selbsttranszendenz, das über sich hinausgehen muss, um zu sich selbst zu finden – steht im Dialog mit dem „Heiligen Geist“. Kommunikation mit dem Geist Gottes charakterisiert gläubiges Bewusstsein.
„Der Geist des Herrn erfüllt den Erdkreis, und er, der alles zusammenhält, kennt jede Stimme“ (Weish 1,7). Die lebendige Stimme des göttlichen Geistes in allem zu suchen und sich von ihr leiten zu lassen, das heißt „glauben“. „Glaube ist nicht ein Wissen von etwas, das ich habe, sondern die Gewissheit, die mich führt“ (Karl Jaspers).

Weisheit als weisende Wahrheit

Wissen kann gefährlich werden. Dauernde „Kommunikation“ mit dem allwissenden Computer macht abhängig. Nach dem Apostel Paulus tendiert menschliches Wissen ohne Empathie zur Arroganz, es „bläht auf“. Die Liebe dagegen „baut auf“ (1Kor 8,1). Wahre Erkenntnis zeigt sich demnach im Wahrnehmen des Anderen, im sozialen, rücksichtsvollen Verhalten. Solcherart „Wissen“ wird zur „Weisheit“.
Das Wort „Weisheit“ kommt von „weisen“, nicht von „wissen“. Weisheit ist über sich selbst hinausweisendes Erfahrungswissen. Weisheitswissen weist auf weit mehr hin, als im Augenblick „zu begreifen“ ist. Ein weiser Mensch ist sich bewusst, dass kein Wort und kein Begriff, keine Lehre und keine Definition die Wirklichkeit fassen können. Weisheit traut allerdings der von ihr erkannten Wahrheit und lässt sich von ihr führen – zu Größerem hin. Das Ganze ist ein Prozess: In allem, was ist und geschieht, stellt die Weisheit Wahrheit vor uns hin, Wahrheit, die schon vor unseren Urteilen und Überzeugungen da ist – auch vor jeder Religion und Weltanschauung. Jeder achtsame Mensch kann dies „Lied in allen Dingen“ (Eichendorff) hören.

Weisheit als fundamentale Religiosität

Wir können nicht wissen, was „Wahrheit“ letztlich ist. Wahrheit „ist“ nicht, sie „geschieht“. Fragt man dennoch, was Wahrheit ist, so können wir das nur von ihren Wirkungen, ihren „Früchten“ her beantworten: Wahrheit ist, was leben lässt, Leben fördert – bei einem selbst und bei anderen. Durch diese Wirkung ist sie „wirk-lich“. Hören auf Weisheit ist die Grundspiritualität des Menschen. Die Weisheit macht den Menschen zum homo sapiens. Weisheits-Wahrnehmung ist somit eine Art Fundamentalreligion.
Die Weisheit „ist der Widerschein des ewigen Lichts, der ungetrübte Spiegel von Gottes Kraft, das Bild seiner Güte“ (Weish 7,26). Nach dem biblischen Schöpfungsmythos ist sie dem Menschen als Lebensatem eingehaucht: Erst sie macht aus „Adam“ (dem „Erdklumpen“) ein lebendiges Wesen (vgl Gen 2,7).

Gottesferne und Erlösung

Heutzutage wird oft die religiöse Indifferenz und Gottesferne vieler Menschen diagnostiziert. Vielen Zeitgenossen fehlt offenbar nichts, wenn Gott fehlt. Schon im 5. Jahrhundert sah Augustinus die reine Selbstbezogenheit des Menschen als Ursache der Abwesenheit Gottes. Seine Diagnose: Der Mensch ist in sich selbst verkrümmt (lat. „homo incurvatus in se“), er ist gefangen in seinem engen Ego.
Die Schlange, die sich unten beim „Englischen Gruß“ von Veit Stoß (1447-1533) in der Nürnberger Lorenzkirche in den Schwanz beißt, symbolisiert das unerlöste Böse. Böses frisst sich selbst auf. Die Gegengestalt über der Schlange ist Maria, die aufrecht steht, sich nach dem Herzen greift und mit großen Augen in die Weite schaut. Die Geisttaube hat sich auf ihrem Haupt niedergelassen. Das Buch(wissen) fällt ihr aus der Hand. Maria ist hier Symbol des erlösten Menschen, der vom göttlichen Geist ergriffen wird.

 

Maria vom Engelsgruß der Pfarrkirche St. Lorenz in Nürnberg (Veit Stoß, 1517–18)

Geist von oben, der herabkommt

Der Geist, der „oben“ ist, kommt immer auch – wie in der Pfingstgeschichte (Apg 2,1-13) – auf die Menschen herab. Wenn Wohlstand und Macht die höchsten Güter sind, dann braucht sich niemand zu wundern, dass die Ego-Mentalität um sich greift und materielle Sicherheit oberste Priorität hat. Wahrer Geist von oben weitet unser kleines Ego auf den anderen Menschen und auf Zukunft hin. Der innerlich verkrümmte Mensch lernt so die aufrechte Haltung, die ihn erst zu einem wahren Menschen macht.
Rodins Denker war ursprünglich als Eingangsfigur zum geplanten Höllentor gedacht. Statt des sinnenden Poeten Dante nahm Rodin einen französischen Boxer und Ringer zum Modell. Ist diese muskulöse Gestalt auch als Allegorie über die Abgründe des modernen Denkens zu verstehen?

„Ich saz ûf eime steine“

Ein früher Vorläufer des Denkers ist das lyrische Ich in einem berühmten Gedicht von Walther von der Vogelweide (1170-1230). Der Sprecher sitzt mit übereinandergeschlagenen Beinen auf einem Stein und sinnt nach über den Lauf der Welt. Er hat die Wange mit dem Kinn in seine Hand „gesmogen“ und fragt sich, wie man „Ehre“ und „Reichtum“ („varnde guot“) mit „Gottes Huld“ zusammen haben könne. Denn das wäre der Goldhintergrund für restlos erfülltes Leben („der zweier übergulde“).
Walthers Diagnose im Hohen Mittelalter ist ernüchternd: Es herrschen „Untreue“ und „Gewalt“. „Friede und Recht“ sind verwundet. Bevor diese beiden nicht genesen, können auch „Ehre“, also die Würde des Menschen, und wahrer Reichtum nicht gesunden und in ihrem Glanz erstrahlen.

„Schalom“ als Gabe des Geistes

Auch unsere Zeit krankt an vielem: Klima, Frieden und Demokratie zeigen offene Wunden. Soziale Zerklüftung, Manipulation durch übermächtige Medien und weltweite Ungerechtigkeit wachsen wie Schatten rings um die Welt. Die Bibel dagegen ist eine Sammlung von Geschichten, die von der „Trotzmacht des Geistes“ (Viktor Frankl) zeugen. Die Hoffnung auf Übereinklang von allem heißt in biblischer Sprache „Schalom“. Gottes Schalom will alles durchdringen.
Das Johannesevangelium kennt keine Pfingstgeschichte von der Herabkunft des Geistes im Sturm und in Feuerzungen. „Pfingsten“ ist im vierten Evangelium viel stiller und verborgener (vgl Joh 20,19-23). Die Jünger werden am Osterabend in einer Situation geschildert, die unsere ganze menschliche Existenz charakterisiert: Sie haben sich eingeschlossen in ihrer Angst. Da kommt der Auferstandene geheimnisvoll durch verschlossene Türen auf sie zu, haucht sie an wie Gott am Anfang der Schöpfung und deutet diesen Anhauch mit dem Wort „Friede euch!“.
Das ist feste Zusicherung und Verheißung in Einem. Weltumspannender Friede zwischen Einzelnen, zwischen Völkern, Kulturen und Religionen beginnt damit, dass dieser göttliche Friede ins Innere einkehrt. Die verängstigten Jünger sind danach wie verwandelt. Sie freuen sich und können Barmherzigkeit ausstrahlen und weitergeben. „Schalom“ – die Gabe Gottes schlechthin! Dieser universale Gottesgeist von Pfingsten ist jedem Menschen zugesagt!

 

 

P. Karl Kern SJ im Garten des Berchmanskollegs

Pater Karl Kern SJ stammt aus Obernburg am Main in Unterfranken. 1968 trat er mit 19 Jahren in den Jesuitenorden ein und wurde 1976 zum Priester geweiht. Er hat als Hochschulseelsorger und Gymnasiallehrer gearbeitet. Ab 1996 baute er in Nürnberg die Cityseelsorge in der „Offenen Kirche St. Klara“ auf. Von 2010 bis 2022 war er Kirchenrektor der Jesuitenkirche St. Michael in München. Seitdem ist er als Seelsorger sowie für das Fundraising der Hochschule für Philosophie in München tätig. Zudem ist Pater Kern Präses der Marianischen Männerkongregation „Mariä Verkündigung“ und Kirchenrektor der Bürgersaalkirche in München.

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