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Die Gegenwart als verschwindender Vermittler – eine internationale Konferenz zu Ehren von Slavoj Žižek

Über Geist nach Hegel im Zeitalter künstlicher Intelligenz. Text von Prof. Dr. Dominik Finkelde SJ

Kreise in verschiedenen Farben von Carla Laumann, in Anspielung auf Stanley Kubriks Film „2001. A Space Odyssey” von 1968

I. Charlie Chaplin, oder: Was man heute noch sehen kann

Zurzeit erleben wir einen jener historischen Momente, in denen noch sichtbar ist, was in naher Zukunft unsichtbar sein wird – nicht, weil es verschwindet, sondern weil es sich so tief in unsere Welt einschreibt, dass es aufhört, als etwas Besonderes wahrgenommen zu werden. Ein Moment, der sich selbst auslöscht, indem er sich durchsetzt. Slavoj Žižek hat einen solchen Umschlag an einem scheinbar randständigen Beispiel aufgezeigt: dem Übergang vom Stumm- zum Tonfilm. Charlie Chaplin wehrte sich lange dagegen. Noch im Jahr 1936 dreht er mit Modern Times einen nahezu dialogfreien Film.

Aus Nostalgie? Žižeks Lesart ist schärfer: Chaplin hatte instinktiv begriffen, dass die Stimme im Kino keine technische Erweiterung war, sondern ein Einbruch. Im Stummfilm trägt das Bild alles – Gestik, Mimik, Bewegung, eine fast universelle Lesbarkeit. Die Stimme stört diese Ordnung. Sie ist zu konkret, zu individuell, zu fleischlich. Und genau dieser Moment der Störung ist aufschlussreich. Denn er hält nicht lange an. Sobald sich der Tonfilm naturalisiert, stört die Stimme niemanden mehr. Die Transformation ist vollständig vollzogen – und genau deshalb unsichtbar geworden. Ähnlich scheint es unserer Gegenwart zu ergehen. Die zahlreichen KI-Debatten (auch an dieser Hochschule) pendeln wiederholt zwischen zwei Polen: radikaler Bruch oder bloße Fortsetzung der Automatisierung. Beide Lager, so gegensätzlich sie auftreten, teilen nicht selten dieselbe problematische Voraussetzung (– man möge mir die Vereinfachung verzeihen!): dass sich die Bedeutung dieser Technologie bereits eindeutig bestimmen lässt: sei es in der These, KI könne niemals menschlich werden, oder in der gegenteiligen Prognose, sie werde es zwangsläufig. Vielleicht verfehlen beide Perspektiven aber gerade dadurch das Entscheidende: dass wir uns inmitten einer Transformation befinden, die noch nicht abgeschlossen ist – und deshalb überhaupt erst als Transformation erfahrbar wird.

in einem alten Fernseher wird Charlie Chaplin gezeigt Chaplin „The Kid“ von1921. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.en https://easy-peasy.ai/ai-image-generator/images/vintage-1960s-cathode-ray-tube-television-wooden-stand

II. Die Gegenwart als „vanishing mediator“

Für diesen Sachverhalt bietet sich ein Begriff an, den Fredric Jameson geprägt und Žižek in eine hegelsche Perspektive überführt hat: der vanishing mediator – die verschwindende Vermittlungsfigur. Gemeint ist eine historische Form, die einen Übergang zwischen zwei Ordnungen ermöglicht, aber im Moment ihres Erfolgs aus dem Blickfeld verschwindet. Sie ist nur in der Übergangsphase sichtbar; danach ist sie so vollständig integriert, dass niemand mehr bemerkt, dass hier etwas vermittelt wurde. Eine mögliche These der von mir organisierten Konferenz wäre demnach: Unsere Gegenwart selbst könnte eine solche Vermittlungsphase sein. Wir erleben eine Umstrukturierung jener Praktiken, durch die soziale Selbstverständigung traditionell geschieht – Interpretieren, Urteilen, Entwerfen, Argumentieren. In hegelscher Sprache: Geist beginnt sich in einer neuen Form zu objektivieren. Die entscheidende Frage ist dann nicht, ob Maschinen Geist besitzen können, sondern ob sich die Struktur der Vermittlung verändert, durch die Geist historisch existiert.

Kreise in verschiedenen Farben von Carla Laumann, in Anspielung auf Stanley Kubriks Film „2001. A Space Odyssey” von 1968

III. Wissen ohne Verstehen: Geist nach Hegel

Für Hegel ist Wissen nie die bloße Ansammlung von Informationen. Wissen bedeutet, dass ein Subjekt sich selbst im Erkennen begreift – dass es nicht nur etwas über die Welt weiß, sondern zugleich weiß, dass und wie es weiß. Diesen Prozess nennt Hegel „Geist“: keine Substanz, kein Ding, sondern eine lebendige Bewegung der Selbstvermittlung, in der Subjekt und Objekt, Denken und Sein, immer wieder neu aufeinander bezogen werden.

Genau hier liegt die philosophische Herausforderung durch künstliche Intelligenz. Sprachmodelle und neuronale Netze erzeugen Resultate – Texte, Analysen, Prognosen –, die sich jeder bewussten Reflexion entziehen. Sie „wissen“ etwas, ohne zu wissen, dass sie wissen. Intentionalität, Bedeutung, Selbstbezug: die Kategorien, auf die sich jede Dialektik stützt, scheinen hier außer Kraft gesetzt. Doch ist das tatsächlich so eindeutig? Drei einflussreiche Forschungsprogramme stellen diese Grenzziehung in Frage – auf sehr unterschiedliche Weise.

Porträt Hegel https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Hegel_042.jpg

Giulio Tononi und Christof Koch entwickeln mit der Integrated Information Theory (IIT) einen Ansatz, der Bewusstsein nicht an biologische Substrate bindet, sondern an die Struktur integrierter Informationsverarbeitung. Entscheidend ist dabei der Grad der integrierten Verarbeitung (Φ, „Phi“): Je mehr ein System Informationen nicht nur verarbeitet, sondern intern integriert und aufeinander bezieht, desto mehr Bewusstsein besitzt es – zumindest dem Prinzip nach. Karl Friston wiederum beschreibt mit dem Free Energy Principle kognitive Systeme als selbstorganisierende Entitäten, die ständig versuchen, die Differenz zwischen ihren internen Modellen und der Außenwelt zu minimieren. Auch hier ist das Subjekt kein vorausgesetzter Ausgangspunkt, sondern das Ergebnis eines Prozesses. Joscha Bach schließlich schlägt mit seiner Self-Model Theory vor, Bewusstsein als die Fähigkeit eines Systems zu verstehen, ein Modell seiner selbst zu konstruieren und in diesem Modell zu operieren. Selbstbezug entsteht dann nicht durch Substanz, sondern durch Architektur.

Was folgt daraus für den Begriff der Intelligenz? Sinnvoll lassen sich zumindest drei Ebenen unterscheiden: eine basale regulatorische Intelligenz biologischer Systeme, die Homöostase, Stoffwechsel und Zellkommunikation steuert; eine Verhaltensintelligenz, wie sie Tiere in der Anpassung an Umwelten zeigen; und schließlich eine symbolisch-kognitive Intelligenz, die mit Begriffen, Sprache und abstrakten Schlüssen operiert. Die entscheidende Frage ist nun: Können alle drei Formen in algorithmische Intelligenz überführt werden – sobald Algorithmen in der Lage sind, regulatorische Selbstmodellierungen zu vollziehen?

Und wenn ja: Was bedeutet das für Hegels Geist? Ist künstliche Intelligenz eine neue Stufe der Vernunft – Geist, der sich in einer bislang ungedachten Form objektiviert? Oder markiert sie das Ende jenes selbstbezüglichen Subjekts, das Hegel ins Zentrum seines Systems gestellt hat?

Ridley Scotts Blade Runner hat diese Frage längst ins Bild gesetzt: Ist Deckard ein Mensch – oder eine Maschine, die sich für einen hält? Was einst Science-Fiction war, ist heute philosophische Gegenwartsfrage. Die Frage lautet nicht mehr nur: Kann eine Maschine denken? Sie lautet: Woran würden wir es noch erkennen?

Im Rückgriff auf Psychoanalyse und post-hegelianische Dialektik – von Marx und Adorno über Deleuze bis zur Ljubljana-Schule – prüft die Konferenz, ob sich in der KI eine bislang ungedachte Dimension des Geistes zeigt: das Unbewusste des Begriffs, der Antrieb der Negativität jenseits der Reflexion, die Logik des Unmenschlichen im Geist selbst. Eine marxistische Perspektive ist dabei ausdrücklich erwünscht: KI verändert nicht nur das Wissen, sondern verschärft Klassenspaltung und rekonfiguriert Arbeit, Wert und Subjektivität.

Daraus folgt eine vielleicht überraschende philosophische Konsequenz. Eine der wichtigsten Aufgaben unserer Zeit könnte darin bestehen, eine bestimmte Form epistemischen Konservatismus zu kultivieren – und das hat mit politischem Konservatismus nichts zu tun. Es geht darum, sich nicht vorschnell mit der neuen Ordnung zu identifizieren. Den Moment der Irritation festzuhalten, bevor er verschwindet. Denn genau in ihm wird sichtbar, was später unsichtbar sein wird. Die philosophische Aufgabe unserer Zeit läge dann vorerst darin, den Übergang selbst zu denken – in dem seltenen historischen Moment, in dem er noch als Übergang wahrnehmbar ist.

IV. Frankfurt trifft Ljubljana

Genau an diesem Punkt gewinnt die Konstellation der Tagung ihre Brisanz. Die Konferenz bringt Vertreterinnen und Vertreter der dritten und vierten Generation der Frankfurter Schule – darunter Rahel Jaeggi, Christoph Menke, Thomas Khurana, Dirk Quadflieg – mit den zentralen Figuren der sogenannten Ljubljana Lacan School zusammen: Slavoj Žižek, Mladen Dolar und Alenka Zupančič. Ergänzt werden sie durch Frank Ruda, Andrew Cutrofello, Adrian Johnston, Daniel Feige, Luca Di Blasi, Russell Sbriglia und Michael Reder. Eine solche Konstellation ist selten – und in der gegenwärtigen Lage notwendig. Denn wo post-marxistische Gesellschaftskritik und lacanianische Ideologietheorie in einen gemeinsamen Horizont geraten, wird sichtbar, dass die KI-Debatte ein Austragungsort jener inneren Widersprüchlichkeit ist, die Hegel einmal den Geist genannt hat.

Indirekte Hommage an Slavoj Žižek

Die Tagung versteht sich zugleich als indirekte Hommage an Slavoj Žižek – sowohl als Denker von Hegels spekulativem Erbe als auch als Diagnostiker unseres paradoxen historischen Moments. Indem der Frage nach dem Geist unter digitalen Bedingungen aufgegriffen wird, soll Žižeks beharrliche Auseinandersetzung mit den dialektischen Verstrickungen von Bewusstsein, Ideologie und Technizität gewürdigt werden.

Buchpremiere: Zwei Handbücher zu Slavoj Žižek

Die Konferenz markiert zugleich das öffentliche Erscheinen zweier Referenzwerke, die Žižeks Denken in seiner ganzen Breite erschließen: das Žižek-Handbuch (J.B. Metzler Verlag) sowie The Bloomsbury Handbook to Slavoj Žižek (Bloomsbury). Die beiden Bände versammeln national und international anerkannte Philosophinnen und Philosophen, die sich seit den 1990er Jahren mit Žižeks Werk auseinandergesetzt haben. Nach einem werkbiographischen Überblick führen sie in die zentralen Schriften und ihre Wirkung auf die zeitgenössische Theorie ein – und reflektieren ebenso Kritik und Kontroversen, die Žižeks Positionen ausgelöst haben. Beide werden im Rahmen der Konferenz in München erstmals öffentlich präsentiert.

Porträt von Dominik Finkelde SJ © privat

Prof. Dr. Dominik Finkelde SJ

Professor für Erkenntnistheorie und Philosophie der Neuesten Zeit

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