„Die Religion bedarf einer metaphysischen Grundlage; denn ihre Autorität wird durch die Intensität der Emotionen, die sie hervorruft, gefährdet. Solche Emotionen zeugen zwar von einer intensiven Erfahrung, sind jedoch eine äußerst unzureichende Garantie für deren korrekte Deutung. Daher ist eine leidenschaftslose Kritik am religiösen Glauben überaus notwendig.“
Alfred N. Whitehead, Religion in the Making (1926)
Ich befinde mich seit Anfang Februar in Israel, genauer gesagt im päpstlichen Bibelinstitut in Jerusalem. Dort verbringe ich eine seit Jahren geplante Sabbatzeit. Ich setze mir sowohl philosophisch-kulturelle als auch religiös-theologische Schwerpunkte. Ein paar Wochen nach meiner Ankunft brach Krieg aus zwischen Israel und den USA einerseits und dem Iran und seinen Verbündeten andererseits. Ich habe mich entschlossen, nicht wegen des Krieges auszureisen. Ich will das Leben hier teilen, die Realität erleben. Ich habe die Warn-App im Handy und bin sicher schon 50-mal in den Schutzbereich gegangen, wenn Raketen mit ohrenbetäubendem Lärm manchmal direkt über uns abgeschossen wurden. Ja, auch Jerusalem wurde getroffen.
Ich lebe in einer bunten Kommunität, in der beim Mittagessen sowohl Englisch wie Französisch, Arabisch und Hebräisch gesprochen wird. Die ganze komplexe Historie des Mittleren Ostens ist schon in den Sprachen anwesend: die ehemaligen Kolonialmächte aus Europa und die ansässigen Völker, Araber und Juden, die sich seit Jahrhunderten gemeinsam auf diesem Boden aufhalten. Vom Krieg sind jetzt alle betroffen. Die Raketen treffen einen kleinen palästinensischen Friseursalon in Hebron ebenso tödlich wie den Schutzraum einer Synagoge in Beit Shemesh. Oder – zum Glück nicht weiter tragisch – unseren VW Golf, der einen Dachschaden davongetragen hat.

Auch wenn vordergründig die herrschenden politischen Klassen in Teheran, Jerusalem und Washington diesen Krieg heraufbeschworen haben, so sind es doch konkrete religiöse Überzeugungen, die im Hintergrund eine wichtige Rolle spielen. Als Philosophen und Philosophinnen sollten wir diese durchleuchten.
Die Islamische Republik Iran ist ein Staat der Zwölfer-Schiiten, deren Theologie sich auf die Figur des Muhammad al-Mahdi, des zwölften Imams, konzentriert. Dieser begab sich 874 n. Chr. in den „verborgenen Zustand“ und soll der Überlieferung nach weiterhin leben und auf den von Gott bestimmten Moment seiner Rückkehr warten, um universelle Gerechtigkeit zu schaffen. Die Zwölfer-Schiiten gehen davon aus, dass die muslimische Welt unter islamischer Herrschaft die Vorherrschaft erlangen muss, damit der Mahdi zurückkehren kann. Die Existenz eines jüdischen Staates auf ehemals islamischem Gebiet widerspricht dieser theologischen Vision radikal. Er muss verschwinden.
Auf jüdischer Seite ist die theologische Struktur zwar völlig anders, aber ebenso tief verwurzelt. Der Anspruch auf das Land beruht nicht auf eschatologischer Dringlichkeit, sondern auf der Bundestheologie, insbesondere auf dem Bund Gottes mit Abraham, wie er im Buch Genesis bekräftigt wird, wo das Land Kanaan als „ewiger Besitz“ für Abrahams Nachkommen durch Isaak und Jakob bezeichnet wird.
Und die bibel-fundamentalistischen Christen in der Trump-Regierung liebäugeln mit dem Sieg der Juden, damit diese den Tempel wieder errichten. Nach ihrer Auslegung der Bibel müssen Gottes Bundesverheißungen an das Volk Israel wörtlich verwirklicht werden: die nationale Rückkehr ins Land und der Wiederaufbau des Tempels. Diese Ereignisse werden als notwendige Voraussetzungen einer Abfolge verstanden, an deren Ende die leibliche Wiederkunft Christi steht.
Aus Sicht der Philosophie drückt sich in all dem ein Mangel an Aufklärung, an Religionskritik und damit letztlich an guter Theologie aus. Wer auch immer an der Notwendigkeit einer Institution wie der Hochschule für Philosophie zweifelt, einer Institution, die sich besonders auch der philosophischen Durchdringung und Läuterung religiöser Überzeugungen widmet, dem empfehle ich einen Aufenthalt in dieser zerrissenen Region der Welt hier, in der rational nicht genügend geprüfte Religiosität die Menschen gerade an einen Abgrund führt. Und just, wo ich dies schreibe, donnern über mir schon wieder Raketen und die Sirenen heulen. Der Philosoph muss sich in den Keller zurückziehen – vorübergehend.
— Godehard Brüntrup SJ
© SJ-Bild/ Christof Wolf SJ
Prof. Dr. em. Godehard Brüntrup SJ war bis zum Ende des Sommersemesters 2025 Professor für Metaphysik, Philosophie des Geistes und Sprachphilosophie an der Hochschule für Philosophie München.