Der Begriff der religiösen Indifferenz macht heute die Runde. Die Grundhaltung der Säkularisierung scheint allgegenwärtig zu sein. Die Sehnsucht nach dem ewigen Leben hat sich seltsam verflüchtigt. Lieber im Hier und Jetzt das Beste rausholen und möglichst lange genießen! Das ist die Devise.
Eine bleibende Menschheitsfrage
Religiöse und Nichtreligiöse bewegt letztlich ein und dieselbe Grundfrage: Wie finde ich zu einem glücklichen, sinnvollen, erfüllten Leben? Was gehört zum wahren Glück und wie kann ich auf Dauer glücklich und zufrieden sein? Diese Menschheitsfrage ist nicht neu. Nach dem guten Leben zu fragen, war schon das Hauptthema der antiken Philosophie.
Im dritten vorchristlichen Jahrhundert hatte sich nach den Eroberungen Alexanders des Großen die hellenistische Kultur im Orient durchgesetzt. Damit vollzog sich im philosophischen Denken eine starke Säkularisierung. Der Glaube an die Götter war bei vielen verblasst. Deshalb lautete die neue Devise: Nimm dein Glück selbst in die Hand! Strebe die Dinge an, die du aus eigener Kraft erreichen kannst! Dafür boten die Philosophenschulen verschiedene Trainingsprogramme an.
Der Redner Kohelet und seine provokanten Thesen
Um das Jahr 250 v.Chr. lehrte in Jerusalem an einer Tempelschule ein origineller philosophischer Kopf, der fast alle Antworten der traditionellen Theologie infrage stellte. Seine Schüler nannten ihn – vielleicht mit seinem Spitznamen – „Kohelet“, „Versammlungsredner“. Denn er vermittelte provokativ Weisheit für alle, nicht nur für den Schulbetrieb.
Kohelet war offenbar ein nachdenklicher, kritischer, scharf analysierender, skeptischer Mann, der sich nüchtern der Wirklichkeit stellte und um die unlösbaren Rätsel der Welt wusste. Er lebte in einer Zeit tiefgreifender sozialer und geistiger Umbrüche. Die Lebensregeln der traditionellen jüdischen Weisheit überzeugten nicht mehr. Doch die alte Menschheitsfrage nach dem Glück ließ auch ihn nicht los. Sein Schülerkreis gab seine Ansichten in einem Buch heraus.
Der „Windhauch“ geht vorüber, ist nicht fassbar
Das Buch Kohelet ist wie eine klassische antike Rede aufgebaut: Eine These wird vorgestellt, entfaltet und gegen Einwände verteidigt. Abschließend werden die Konsequenzen für das praktische Leben aufgezeigt. Die Grundthese steht gleich nach der Überschrift: „Windhauch, Windhauch, sagte Kohelet, Windhauch, Windhauch, das ist alles Windhauch.“ (Koh 1,2)
Man muss dieses Bild in seiner Unübersetzbarkeit stehen lassen. Der „Windhauch“ verweht, geht vorüber. Man kann ihn nicht fassen. Begriffe wie vergänglich, nichtig, eitel, sinnlos, absurd sind einseitig oder völlig ungenügend. Den „Windhauch“ kann man nicht erhaschen oder festhalten. Der Mensch muss in einer Welt voller Windhauch sein Glück finden. Deshalb Kohelets Leitfrage: „Welchen Vorteil hat der Mensch von all seinem Besitz, für den er sich anstrengt unter der Sonne?“ (Koh 1,3)
Scharfsinnig entlarvt er die Haltung des Haben- und Machenwollens als trügerischen Weg zum Glück. Wahre Erfüllung gibt es für ihn nur in der gläubigen Haltung des Seins. Außerdem ist ein rein individualistisches Konzept von Glück – Was bringt es mir? – von vorneherein zum Scheitern verurteilt. Denn dauerhaften Lebensgewinn gibt es nie für sich allein!
„König Kohelet“ wandelt sich zum „Weisen“
In der Gestalt eines Königs („Königstravestie“, Koh 1,12-2,26) wählt Kohelet in seiner Argumentation zunächst einen Lebensweg, der ihn in Verdruss und Verzweiflung führt. „Groß sein“, „dazugewinnen“, „andere übertreffen“ sind für „König Kohelet“ die Ideale. Er kann sich einen Palast mit einem Lustgarten und vielen Frauen („Brüsten“) leisten. Dieses Konzept des selbstgeschaffenen Glücks führt ihn in die Krise. Kohelet geht zunehmend sein Trugschluss auf, Glück sei machbar. Denn Besitz, Wissen, Macht und Lust sind vergänglich, sind „Windhauch“. Das Glück lässt sich auch nicht in ökonomischen Begriffen wie Gewinn oder Vorteil taxieren. „König Kohelet“ muss einsehen: Angesichts des Todes ist alles „Windhauch“!
Überwunden wird der verfehlte Lebensentwurf in der Erfahrung der Freude, die „aus der Hand Gottes stammt“ (Koh 2,24). In der grundlegenden Haltung der „Gottesfurcht“, also nicht durch eigene Anstrengung, werden die falschen Lebensentwürfe entlarvt und bewältigt. „Denk an deinen Schöpfer in deinen frühen Jahren!“ (Koh 12,1), heißt es am Ende des Buches. Aus der tiefen Gewissheit, alles einem Schöpfer zu verdanken, – obwohl man nicht alles begreifen kann – erwächst die Haltung einer zweckfreien Ehrfurcht vor allem Geschaffenen. Nur so wird dem Menschen ein gereiftes „Carpe Diem“ möglich, ein Verkosten der Dinge im Hier und Jetzt. „König Kohelet“ wandelt sich zum Weisen.
„Ja zum Leben! – Glück nach Kohelet
Gegen Ende des Buches beschreibt er sein Konzept von Glück: „Iss freudig dein Brot und trink vergnügt deinen Wein; … Trag jederzeit frische Kleider und nie fehle duftendes Öl auf deinem Haupt! Mit einer Frau, die du liebst, genieß das Leben alle Tage deines Lebens voll Windhauch, die er dir unter der Sonne geschenkt hat, alle deine Tage voll Windhauch! Denn das ist dein Anteil am Leben und an dem Besitz, für den du dich unter der Sonne anstrengst.“ (Koh 9,7-9)
Kohelet redet damit nicht der platten Vergnügungssucht das Wort. Doch heißt es, das gegenwärtige Glück zu ergreifen, jetzt zu handeln und nicht einfach nur auf jenseitige Erfüllung zu hoffen. Für Kohelet liegt das Gewicht auf dem „Ja zum Leben“ im flüchtigen Hier und Jetzt. Dabei kann innere Freude das ganze Leben durchströmen, weil das begrenzte Leben voller Windhauch ein Geschenk Gottes ist.
Jesus und der Sog vom großen Glück
Auch die Grundbotschaft Jesu war stark präsentisch geprägt. Er verkündete die Nähe der Königsherrschaft Gottes als Inbegriff von Glück, von „Leben in Fülle“ (Joh 10,10). Seine Gegner beschimpften ihn als „Fresser und Weinsäufer“ (Mt 11,19). Denn das sinnenfälligste Zeichen für die nahe Königsherrschaft waren für ihn die Mähler in Galiläa, bei denen es offenbar gelöst und fröhlich zuging – wo man beim Essen und Trinken die Gemeinschaft untereinander und die Gemeinschaft mit Gott feierte. Die Vollendung der Gottesherrschaft zeichnete er im Bild des Hochzeitsmahls. Eine Woche lang feierte man in Israel Hochzeit – als Höhepunkt des Lebens!
In den Seligpreisungen der Bergpredigt (Mt 5,1-11) sprach Jesus indirekt von sich selbst: Überschwängliches Glück muss ihn durchflutet haben, ließ seine Augen erstrahlen und wirkte mitreißend auf andere. Nicht umsonst stiegen junge Männer wie auch Frauen aus Beruf und Familie aus und lebten mit ihm in einer Art Wanderkommune. Der Sog vom großen Glück hatte sie erfasst.
Gottesfurcht und dieWidrigkeiten des Lebens
Doch der von Seligkeit durchdrungene Jesus malt in seiner Lehre vom Berg keineswegs ein rosiges Bild: Da ist von Armen, Trauernden und von Menschen die Rede, die nach Gerechtigkeit hungern, die am Ende gar verfolgt und gehasst werden. Jesus sieht sehr nüchtern auch die dunklen Seiten der Wirklichkeit. Schon früh nimmt er das Abbröckeln der Anhängerschaft, die Widerstände, selbst die Vernichtungsabsicht wahr, die ihm entgegenschlägt.
Auch Kohelet sieht scharfsinnig die Widrigkeiten des Lebens. Jedoch kann er in der grundlegenden Haltung der Gottesfurcht die Wirklichkeit mit ihren schönen und mit ihren schweren Seiten annehmen, weil er in allem das Geheimnis Gottes aufzuspüren sucht. Durch diese Schule jüdischer Weisheit ist auch Jesus gegangen. Nicht von ungefähr bildet sein vertrauensvolles Gebet zum Vater das Zentrum der ganzen Bergpredigt, deren Schlussbild das feste Haus auf dem Felsen inmitten der Stürme des Lebens ist.
Der Tod als Grenzfall des Lebens
Der grausame Kreuzestod war für Jesus die finale Herausforderung seines Gottvertrauens. Wie immer er zwischen Glaubensnot und Ergebenheit dieses letzte Dunkel bestand, Eines halten alle Evangelien fest: Gott hat ihn gegen alle menschliche Erwartung auferweckt und ihn „erhöht“ an seine Seite. Die Auferweckung Jesu ist der Dreh- und Angelpunkt des ganzen Christentums. „Leben in Fülle“, hier und jetzt – und einmal für immer! Das ist die große Verheißung von Ostern.
Hat schon Kohelet diese Botschaft vom ewigen Leben verkündet? Am Ende des Buches steht ein hinreißendes Gedicht über das Altwerden und Sterben. Der ursprünglich letzte Satz lautet: „Der Staub fällt auf die Erde zurück als das, was er war, und der Atem kehrt zu Gott zurück, der ihn gegeben hat.“ (Koh 12,7) „Atem“ ist in der Bibel Inbegriff von Leben. Er ist von Gott gegeben. Unmittelbar vorher war von dem „ewigen Haus“ die Rede, zu dem der Mensch geht. Blitzt hier bereits eine Hoffnung auf ewiges Leben auf – bei allem Gewicht, das Kohelet auf die Gegenwart legt? Oder gilt die skeptische Einrede: Der Mensch verliert seinen Lebensatem und ist nicht besser dran als die Tiere? (vgl. Koh 3,21)
Kohelet und die Osterbotschaft
Im Buch Kohelet redet ein radikaler Sucher und Zweifler. Er spricht auch heute zu Menschen, die die Sinnfrage umtreibt und die an einer undurchsichtigen und ungerechten Welt leiden. Wir dürfen den Begriff „religiös“ nicht zu eng fassen. Ist nicht der Mensch schon religiös, der ernsthaft nach dem Sinn seines Lebens sucht? Kommen manche vorgefertigten Antworten nicht meist für ehrlich Suchende zu früh?
Nach Kohelet sollten wir unseren kleinen Glückserfahrungen nachgehen und sie dankbar genießen. Im Gelingen, in der Freude wird für ihn Gott erfahrbar. Deshalb heißt es, sich des Glücktags zu erfreuen und den Unglückstag – bis hin zum Todestag – anzunehmen, weil auch er von Gott kommt. Die Freude, die uns bei allen Mühen des Lebens begleitet, macht letztlich das Leben sinnvoll und lebenswert. Sie macht das Menschsein des Menschen aus. Das Buch Kohelet – eine überraschend aktuelle Osterbotschaft für heute!
Pater Karl Kern SJ stammt aus Obernburg am Main in Unterfranken. 1968 trat er mit 19 Jahren in den Jesuitenorden ein und wurde 1976 zum Priester geweiht. Er hat als Hochschulseelsorger und Gymnasiallehrer gearbeitet. Ab 1996 baute er in Nürnberg die Cityseelsorge in der „Offenen Kirche St. Klara“ auf. Von 2010 bis 2022 war er Kirchenrektor der Jesuitenkirche St. Michael in München. Seitdem ist er als Seelsorger sowie für das Fundraising der Hochschule für Philosophie in München tätig. Zudem ist Pater Kern Präses der Marianischen Männerkongregation „Mariä Verkündigung“ und Kirchenrektor der Bürgersaalkirche in München.