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Wofür stehen die Namen Thomas von Aquin und Immanuel Kant?

Im letzten Herbst geriet die Hochschule für Philosophie (HFPH) in die Schlagzeilen, weil ein Vortrag von Sebastian Ostritsch zum Erscheinen seines Buchs mit dem Untertitel „Die Gottesbeweise des Thomas von Aquin nach dem Zeitalter der Aufklärung“ kurzfristig abgesagt wurde. Das Geschehen löste innerhalb und außerhalb der Hochschule eine Fülle teils heftiger Reaktionen aus.

Sonne scheint durch ein Fenster und zeichnet einen Schatten auf die Wand des Raums Copyright: pexels/jonathanborba

Der Absage lag weder eine grundsätzliche Skepsis gegenüber den Gottesbeweisen zugrunde, noch hatte sie mit einer feindseligen Haltung gegen den mittelalterlichen Philosophen und Theologen zu tun. Trotzdem lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Denn der Eingeladene inszeniert sein Buch als eine Art Schlacht der Giganten. Auf der einen Seite stehen Rechtgläubigkeit und gesunde Vernunft, vertreten durch Thomas von Aquin – auf der anderen Seite die den katholischen Glauben zersetzende aufklärerische Kritik, personifiziert in dem Königsberger Philosophen Immanuel Kant.

Fachleute reiben sich verwundert die Augen. Nichts spricht dafür, dass Kants Widerlegungen der Gottesbeweise auf die Argumente des heiligen Thomas gemünzt wären. Im Gegenteil richtet sich Kant gegen die protestantische Schulphilosophie des 18. Jahrhunderts. Hier kämpft also nicht das Mittelalter gegen die Moderne, sondern verschiedene Strömungen der Aufklärung streiten um die Deutungshoheit.

Bei Licht besehen ist der Aufklärer Immanuel Kant auch kein einseitiger Kritiker der Beweise für das Dasein Gottes. Denn laut Kant vermag die praktische Vernunft ihrem Begriff vom höchsten Gut nur dadurch Realität zu unterlegen, dass sie die Existenz Gottes annimmt, der den Menschen einen Anteil am Glück zuteilwerden lässt, wie ihn jeder und jede verdient.

Natürlich kann und soll niemandem verboten werden, in Büchern und Vorträgen beliebige Denker der Vergangenheit gegeneinander antreten zu lassen. Allerdings wirkt die Paarung „Thomas von Aquin vs. Immanuel Kant“ wie die Wiederkehr kirchlicher Grabenkämpfe, die von der Mitte des 19. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts ausgefochten wurden. Die Schlagworte ‚Neuscholastik‘ und ‚Modernismus‘ stehen – neben vielen Details, die der genaueren Erforschung harren – für zwei unversöhnliche Fronten, die sich abwechselnd die philosophische Rationalität, die akademische Integrität, die Treue zum Evangelium oder zur Kirche absprachen.

Der säkulare Kunde einer Buchhandlung ahnt von alledem nichts, wenn er den Untertitel „Die Gottesbeweise des Thomas von Aquin nach dem Zeitalter der Aufklärung“ liest. Wer hingegen froh ist, dass die Zeiten des innerkirchlichen Kulturkampfes um Thomas und Kant meistenorts vorbei sind, wird dem Versuch einer Neuauflage kein gesteigertes Interesse entgegenbringen.

 

Lesen Sie den vollständigen Artikel „Kirchliche Ideenpolitik: Wofür stehen die Namen Thomas von Aquin und Immanuel Kant?“ von Prof. Dr. Georg Sans SJ in der aktuellen Ausgabe der Stimmen der Zeit  (Heft 2/2026)

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Über den Autor

Pater Georg Sans SJ trat 1994 in den Jesuitenorden ein. Er war von 2006 bis 2014 Professor für Geschichte der Philosophie des 19. und 20. Jahrhunderts an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom. Heute ist er Professor für Religions- und Subjektphilosophie und Inhaber des Eugen-Biser-Stiftungslehrstuhls sowie Studiendekan der Hochschule für Philosophie in München.

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