Auf ein Neues?
Was bringt das neue Jahr 2026? Noch mehr Zerrissenheit, Spaltung, Krisen? Wie oder wo können wir in stürmischen Zeiten Halt finden? Barbara Schellhammers Beitrag, den sie als Editorial für den Blog Kontrapunkte des Zentrums für Globale Fragen (ZGF) verfasst hat, setzt genau da an – und macht Mut:
Die Welt ist gespalten, sie klafft auf zwischen extremen Polen. Detailfragen mutieren in einen Kampf ums Ganze. Das macht es schwer, überhaupt noch etwas zu sagen. Man weiß nicht, was daraus wird. Brücken sind schwer zu finden – häufig sind sie brüchig, Menschen dünnhäutig. Wegelagerer fordern ihren Tribut. Das macht es nicht leicht, sich auf sie zu wagen. Ängste lasten auf Herz und Seele. Umgekehrt verlangen die innere Ruhelosigkeit und Momente großer Verunsicherung nach stabilem Halt, nach einem verlässlichen Anker im von Stürmen aufgepeitschten Meer. Die Gefahr ist groß, sich an der erstbesten Versprechung festzumachen, endlich eine Richtung, endlich Klarheit, raus aus der Diffusität.
Gegen Ende des alten Jahres saßen wir als Team des ZGF zusammen, um ein neues Jahresthema für 2026 zu wählen – eines, das unserem Auftrag der so genannten „dritten Mission“ gerecht werden würde. Dabei geht es darum, philosophisches Denken nicht nur in Forschung und Lehre zu vermitteln, sondern auch zu zeigen, dass es einen Beitrag leisten kann für die Herausforderungen unserer Zeit. Als lebendiger Teil der Hochschule für Philosophie spürten wir angesichts des öffentlichen Aufruhres um die Ausladung eines Gastreferenten, wie sehr wir als Hochschulgemeinschaft verstrickt sind in konfliktreiche Polaritäten, in die Macht der Medien, politische Untiefen und kirchliche Kontroversen. Als wir um ein Thema rangen, sagte jemand aus der Runde: Lasst uns nicht nach etwas suchen, das wir nicht wollen oder was wir bekämpfen sollten, sondern lasst uns etwas finden, für das wir arbeiten, um das wir ringen möchten. Rausgekommen ist: „(dis-)harmoniá“. Nun könnte man nach der Vorrede von Konflikten, Polaritäten und Brüchen berechtigterweise fragen: Was soll die Vorsilbe „(dis-)“? Ist es nicht gerade Harmoniá, die Göttin der Eintracht, der wir nacheifern wollen? Denn sie ist es, die Ruhe, wohltuenden Klang und das Ende der Reibung verspricht. Das lateinische „dis-“ dagegen steht für Auseinander, entzwei, für das belastend Negative.
Bei vielem, was wir über die Jahre am ZGF machen, geht es gerade darum, dem widerborstigen „dis-“ nicht auszuweichen – dafür stehen vergangene Jahresthemen wie „Sexualitäten“, „Brüche. Spannungen. Umgehen.“ oder „trotzHoffnung“. Wir stehen damit nicht allein. Byung-Chul Han spricht von der Negativität des Anderen, Bernhard Waldenfels von dem Stachel des Fremden, Jean-François Lyotard vom Widerstreit und Jacques Rancière vom Unvernehmen. Ein ganzes Buch zu Frauen in der Philosophie des 20. Jahrhunderts macht sich gerade deren Nachdenken über Kontingenz als gemeinsames Band zwischen ihnen zum Thema. Die Herausgeberin Regine Munz versammelt darin mutige Grenzgängerinnen, die sich nicht vor Ordnungsbrüchen, Unbestimmtheiten und diffusen Gefühlen ihrer eigenen Körperlichkeit scheuten, sondern sich gerade in sie hineinwarfen, um aus der Erfahrung des „dis-“ heraus zu philosophieren. Sie alle vereint die Einsicht: (dis-)harmoniá ist kein Defizit. Es ist ein Zustand, der entsteht, wenn Verschiedenes nicht mehr glatt ineinandergreift, wenn Spannungen hörbar werden, wenn sich Widersprüche nicht länger verstecken lassen. Es ist das Knacken im System, das uns zwingt, genauer hinzuhören.
Unsere Gegenwart ist (dis-)harmonisch, gesellschaftlich, politisch, persönlich. Wir erleben Überlagerungen von Krisen, Meinungen, Identitäten. Der Reflex ist oft derselbe: Zurück zur Harmonie. Zurück zur Ordnung. Zurück zu einer Philosophie, die schlüssig ist und Klarheit bringt. Zurück zu einem „Davor“, das es so vielleicht nie gegeben hat und dennoch konserviert werden soll. Doch was, wenn Harmonie gerade nicht der natürliche Zustand ist, sondern bestenfalls eine Momentaufnahme? Was, wenn Bildung und Entwicklung nicht aus Einklang entstehen, sondern aus Reibung? Diese Einsicht bedeutet nicht, das Chaos zu verherrlichen oder Konflikte zu romantisieren. Aber es heißt, sie ernst zu nehmen. Nicht jede Unstimmigkeit muss sofort geglättet werden. Nicht jeder Konflikt ist ein Fehler im System – manchmal ist genau er es, der auf den Fehler hinweist. (dis-)harmoniá ist damit weniger die Ursache gesellschaftlicher Spaltung als ihre mögliche Antwort. Sie ist kein Plädoyer für Dauerkrise oder Beliebigkeit. Es geht vielmehr um die Anerkennung von Spannung als konstitutivem Element sozialer und kultureller Prozesse. Es liegt auf der Hand, dass gerade plurale Gesellschaften mit all ihren Konflikten Krisen besser meistern als eine homogen erzogene Gesellschaft, denn sie sind spannungserprobter. Harmonie wäre dann nicht länger als Zustand der Widerspruchslosigkeit zu denken, sondern als fragile, vorläufige Konfiguration, die ihre eigene Störung bereits in sich trägt.
Das ist beileibe kein neuer Gedanke – nicht in der Philosophie und auch sonst nicht, ganz im Gegenteil – und dennoch: (dis-)harmoniá stört. Genau deshalb ist sie aber auch produktiv. Sie legt ihren Finger in die Wunde und Machtverhältnisse offen, sie macht Ungleichgewichte sichtbar, entlarvt falsche Sicherheiten. In der Musik erzeugt sie schräge Töne, sie tut weh und bewirkt ein Unbehagen, das nach Auflösung verlangt. Dissonanz nervt. Sie wirft empfindliche Fragen auf, die nach Antworten schreien. Wir brauchen einen neuen Umgang mit der Harmonie. Nicht als Ziel, das alles zum Schweigen bringt, sondern als Prozess, der (dis-)harmoniá einschließt. Eine Harmonie, die Kontroversen aushält. Eine Ordnung, die Bewegung zulässt. In diesem Sinne ist dis-harmoniá kein Gegenmittel zur Polarisierung im Sinne einer Befriedung, sondern ein anderes Modell des Zusammenlebens. Sie ersetzt den Wunsch nach Einigkeit durch die Praxis des Aushaltens, den Konsens durch den Dialog und die Frontstellung durch die Vielstimmigkeit. Sie ist widersprüchlich im wahrsten Wortsinn, weil das Argument noch zählt – auch das, was meinem eigenen entgegensteht. Ohne das „dis-“ fehlt der Stachel zur Veränderung.
Schwierig wird es, wenn Menschen nicht in der Lage oder nicht Willens sind, sich einzulassen auf Andere, auf polyphone Stimmen, wenn sie allein der eigenen Agenda folgen, vielleicht sogar im Gewand des propagierten Guten, einzig Wahren, ja sogar Heilbringenden. Schwierig wird es dann, wenn der Raum, den die (dis-)harmoniá eröffnet, missbraucht wird für einseitige Klänge, die nichts Fremdes zulassen, die es umdrehen und ausnutzen. (dis-)harmoniá lebt aus dem schrägen Zwischenklang, sie ist kein Zustand isolierter Fragmente, in dem vor allem die mächtigsten und lautesten Stimmen den Ton angeben. Sie lebt von der Beziehung, davon, dass Einzelne nicht unabhängig nebeneinanderstehen, sondern sich im Gegenüber neu einstimmen – tönt dies auch noch so fremd. Dort, wo sich alles perfekt anhört, hört man oft nur noch sich selbst. Und verpasst das, was wirklich neu ist und Hoffnung gibt auf eine Transformation, die nachhaltig trägt.
Wir möchten in diesem neuen Jahr 2026 fragen, wie wir beitragen können, die Bedeutung der (dis-)harmoniá nicht nur philosophisch zu entfalten, sondern auch, wie wir lernen können, so in ihr und mit ihr zu leben, dass wir einerseits alle Stimmen hören können, andererseits aber auch einen festen Stand gewinnen, um widerständig zu sein gegen eine billige, vielleicht sogar völkisch sterile Harmonie, die von der Macht des Bedürfnisses lebt, alles Andersartige, Negative zu tilgen. Dann wird das „dis-“ zum sokratischen Stachel, die Philosophie zum kritischen Denken, das sich nicht duckt, sondern den Einspruch übt.
— Barbara Schellhammer, Professorin für Intercultural Social Transformation und Leiterin des Zentrums für Globale Fragen (ZGF)

Hinweis: Das Aufmacherbild dieses Beitrags (ganz oben) wurde mit KI generiert / canva.com.